„Ich bin die Auferstehung und das Leben“ – oweia, da hat der Pfarrer doch die Reihenfolge verwechselt?

„Oweia – jetzt hat der Pfarrer die Reihenfolge verwechselt. Und das ausgerechnet zu Ostern“. Ich erinnere mich noch ganz genau an meinen Gedanken, als ich als Fünfjährige den Satz „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ zum ersten Mal hörte. Im österlichen Kindergottesdienst saß ich in der ersten Reihe, schmetterte voller Inbrunst die Lieder und freute mich auf die anstehende Ostereiersuche.

Und dann das! Der Pfarrer musste die Reihenfolge verwechselt haben. Man musste ja wohl zuerst leben, um dann sterben und auferstehen zu können. Andersrum machte das gar keinen Sinn – da war sich mein fünfjähriges Ich ganz sicher. Das versuchte ich nach dem Kindergottesdienst dem Pfarrer zu erklären. Leider drang ich nicht durch.

Erste Erklärung: Schönheit über Klarheit

Wohl auch deshalb beschäftigte mich der Satz die kommenden Jahre immer wieder. Als ich mich dann in der Oberstufe mit Versmaßen auseinandersetzen musste, erkannte ich, dass „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ ein vierfüßiger Jambus ist, während „Ich bin das Leben und die Auferstehung“ einfach nur holpert. Richtig fand ich es zwar nicht, intellektuelle Klarheit der Schönheit zu opfern, aber sei´s drum. Wenigstens hatte ich eine Art Erklärung und war erst einmal beruhigt.

Die zweite Erklärung: Die Heldenreise

Es folgten drei Jahrzehnten, in denen mich die lebensüblichen Auf und Abs forderten und ich keine Zeit für den Satz hatte. Und dann lief mir Joseph Campbell über den Weg. Der amerikanische Mythenforscher hat über 3000 Sagen, Mythen, Märchen und Geschichten aus aller Welt zusammengetragen. Dabei stellte er fest, dass sie alle – unabhängig von Kultur und Jahrtausend – einem gemeinsamen Muster folgen – dabei können einzelne Stationen ausgelassen werden oder die Reihenfolge wechseln:

  1. Der Ruf: Der Held – seltener: die Heldin – erhält einen Ruf.
  2. Verweigerung des Rufs: Der Held widersetzt sich dem Ruf.
  3. Der Held überschreitet dann doch die Schwelle und macht sich auf den Weg.
  4. Er findet Gefährten und sein Instrument der Kraft. Es gilt, diverse Bewährungsproben zu bestehen.
  5. Vordringen zur tiefsten Höhle, zum schlimmsten Punkt. Der Held begreift, dass es um Leben und Tod geht. Er muss sich entscheiden; es gibt keinen Weg zurück.
  6. Versöhnung mit dem Vater /dem Herkunftssystem: Der Held erkennt, dass er das Erbe seiner Vorfahren in sich trägt und sein schlimmster Feind in Wahrheit er selbst ist.
  7. Apotheose: Dem Helden wird offenbar, dass er göttliches Potenzial in sich trägt.
  8. Die höchste Prüfung: Der letzte Kampf steht bevor; der Showdown beginnt. Diese letzte Schlacht gegen den gefährlichsten Gegner führt den Helden an den Rand des Todes. Alles scheint verloren. Da gelingt es ihm, das Blatt zu wenden. Es kommt zur Auferstehung des Helden.
  9. Erhalt des Elixiers: Durch den errungenen Sieg erhält der Held nun etwas Entscheidendes, das Elixier – einen wichtigen Gegenstand oder Wissen und Macht. Der Held ist persönlich gereift und befindet sich in einer neuen Situation.
  10. Rückkehr über die Schwelle: Der Held kehrt nun zurück in die Alltagswelt, aus der er aufgebrochen ist. Er trifft zunächst auf Unglauben und Unverständnis. Nun muss er das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. Der Held vereint Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen und damit die Welt seines Inneren mit den äußeren Anforderungen.
  11. Freiheit zum Leben: Das Elixier des Helden hat die Alltagswelt verändert. Da er das Elixier, seine Erfahrungen weitergibt, führt er die Gemeinschaft, aus der er aufgebrochen ist, zu einer neuen Freiheit des Lebens.

Punkt 8 – Auferstehung – und dann erst in Punkt 12 – neue Freiheit zum Leben. Ihr ahnt schon, dass mir an dieser Stelle dämmerte, dass der Pfarrer und das Johannes-Evangelium eventuell doch Recht haben könnten. Ich begann, mich intensiver mit der Heldenreise zu beschäftigen. Und ich stellte fest, dass sie erst dadurch an Relevanz gewinnt, dass sie archetypisch die Herausforderungen darstellt, denen wir alle uns immer wieder stellen müssen. Deswegen hat ihr Grundgedanke in der Zwischenzeit weite Verbreitung gefunden – u.a. in den Drehbüchern Hollywoods, den Bestseller-Romanen rund um den Globus, in Coaching und Therapie.

Auferstehung und Leben: das Schicksal der Bethany Hamilton

Einer der vielen Momente, in denen mir klar wurde, dass Auferstehung tatsächlich vor – und nicht (nur) nach – dem Leben kommt, war, als ich die wahre Geschichte der Bethany Hamilton, verfilmt in dem Streifen „Soul Surfer“, bei Netflix ansah:

  1. Die Heldin erhält einen Ruf: Bethany wird als jüngstes Kind begeisterter Surfer auf Hawai geboren. Seit sie denken kann, steht für sie fest, dass sie Profi-Surferin werden will. Schnell gewinnt sie erste Wettbewerbe und Sponsoren. Darüber vernachlässigt sie Freundschaften und ehrenamtliches Engagement.
  2. Die Heldin widersetzt sich dem Ruf: Versuche ihrer Freunde, Zeit mit ihr zu verbringen und sie für ehrenamtliche Projekte zu gewinnen, ignoriert sie.
  3. Überschreiten der Schwelle: Als sie am 31. Oktober 2003 morgens früh zum Surfen rausfährt, wird sie gegen 6.40 Uhr  von einem drei Meter langen Tigerhai angegriffen. Der Hai trennt ihr den linken Arm knapp unterhalb der Schulter ab. Nichts wird so sein wie zuvor; die Reise hat begonnen.
  4. Finden von Gefährten und Bewährungsproben: Zum Glück sind ihre Trainingspartnerin und deren Vater dabei. Diese binden den Stumpf mit ihren Surfleinen ab und retten ihr so das Leben. Nach dem Angriff muss sie vielfältige Bewährungsproben bestehen: Sie muss vieles neu lernen – vom Binden eines Pferdeschwanzes über das Schneiden von wegrollenden Tomaten bis hin zu der Erkenntnis, dass nun andere im Mittelpunkt des Interesses ihrer Sponsoren stehen.
  5. Vordringen zur tiefsten Höhle / zum schlimmsten Punkt: Vier Wochen nach dem Unfall nimmt sie das Surftraining wieder auf, verliert jedoch trotz intensivem Training den entscheidenden Wettbewerb. Daraufhin hängt sie das Surfen an den Nagel. Ihr Traum, Profi-Surferin zu werden, ist gestorben.Da ereignet sich die Tsunami-Katastrophe in Thailand. Weil sie nicht mehr trainiert, hat sie Zeit. Sie reist in das verwüstete Land und lehrt dort Kindern, die ihre Eltern verloren haben, das Surfen. Die damit verbundene Ablenkung erleichtert es den Jungen und Mädchen, den Weg zurück ins Leben zu finden. Bethany versteht, das Surfen nicht das Wichtigste im Leben ist. Sie beschliesst, wieder mit dem Surfen zu beginnen. Jedoch nicht nur zur eigenen Freude, sondern um ihre Erfahrung weiterzugeben und so anderen helfen zu können. Der Traum von der Profi-Surferin ist auferstanden.
  6. Versöhnung  mit dem Vater: Die Heldin teilt ihren Entschluss ihrem Vater mit. Sie hat überlegt, dass sie, um als Einarmige  surfen zu können, spezielle Bretter brauchen wird. Ihr Vater hat bereits vor Monaten die entsprechenden Surfbretter gebaut und holt sie jetzt aus der Werkstatt.
  7. Apotheose: Bethany erhält Fanpost aus aller Welt. Als ein Reporter fragt, ob sie manchmal den Tag des Haiangriffs verflucht, verneint sie und erklärt, dass sie erst durch diesen Unfall die Möglichkeit erhalten hat, vielen Menschen Mut und Hoffnung zu geben.
  8. Die höchste Prüfung und Erhalt des Elixiers: Sie nimmt wieder an großen Wettbewerben teil. Zunächst verliert sie erneut gegen ihre härteste Konkurrentin. Doch bereits kurz drauf erringt sie einen beachtlichen fünften Platz und in 2005 kann sie die NSSA National Championships für sich entscheiden. Sie erhält den Pokal, von dem sie so lange geträumt hat. Sie hat die Dämonen der eigenen Angst und der Zweifler überwunden. Erst dadurch wird sie endgültig zum Vorbild.Im Jahr 2008 geht ihr Traum schließlich in Erfüllung: Sie wird Profi-Surferin.
  9. Freiheit zum Leben: In vielen Talk-Shows, u.a. der Oprah-Winfrey-Show, sowie in ihrer Autobiografie berichtet sie von ihrem Leben, gibt ihre Erfahrungen weiter und vermittelt dadurch vielen Menschen, die ebenfalls Schlimmes erlebt haben, Mut und Hoffnung. Sie trauen sich, Herausforderungen anzugehen, vor denen sie vorher zurückgeschreckt sind. Sie erhalten durch Bethanys Heldenreise eine neue Freiheit zum Leben.

Während ich diesen Film schaute, wurde mir erneut klar, dass erst die Auferstehung kommt und dann das Leben: Bethanys Selbstverständnis von sich als (zukünftiger) Profi-Surferin, das ausschließlich auf das Gewinnen von Wettbewerben und Sponsorengeldern gerichtet ist, muss sterben, und als Vision einer Vorbild-Profi-Surferin auferstehen, damit sie anderen die Freiheit zum Leben vermitteln kann.

Eine meiner eigenen Heldenreisen: Auferstehung und Leben

Da lag die Frage nahe: Welche Heldenreisen hatte ich in meinem bisherigen Leben eigentlich zu bewältigen? Es waren sicherlich einige; eine davon möchte ich mit Euch teilen:

  1. Der Ruf: Seit ich ein Kind war, hat mich Psychologie interessiert. Mein erstes NLP-Buch kauft ich von einem Krabbeltisch für 2 Mark. Da war ich 12 Jahre alt. Das erste Buch zur Transaktionsanalyse – ich bin okay, du bist okay – folgte im Jahr drauf.
  2. Widersetzen des Rufs: Gleichwohl absolvierte ich zunächst eine Banklehre und studierte dann Volkswirtschaft. Beides habe ich gehasst. Nach der Promotion habe ich dann zunächst als Pressesprecherin und Redenschreiberin gearbeitet. Quasi die gesamte Zeit war ich von einem Gefühl erschütternder Sinnlosigkeit erfüllt. Einerseits meinte ich zu spüren: Das ist nicht meins. Andererseits wollte ich unbedingt – nicht zuletzt um die Erwartungen meines Umfelds zu erfüllen – Leiterin einer großen Unternehmenskommunikation werden. Dieser innere Konflikt tobte viele Jahre.
  3. Überschreiten der Schwelle: Um Texte zu verfassen, die Menschen auch emotional erreichen, begann ich im Jahr 2007 eine NLP-Ausbildung. Im Sommer 2008, während der Ausbildung zum NLP-Master, kam der Lehrtrainer braungebrannt und völlig eins mit sich selbst aus dem Urlaub zurück. Er war erfüllt von der Freude auf seine Arbeit. Ich wusste: Das will ich auch.
  4. Finden von Gefährten/Mentoren und Bewährungsproben: In den folgenden Jahren wurden meine NLP-Trainer zu wichtigen Mentoren für mich, die mich in meinem Weg bestärkten. Gleichzeitig musste ich zahlreiche Herausforderungen überwinden:
    – Menschen in meinem privaten Umfeld, die der Idee einer Selbstständigkeit sehr ablehnend gegenüber standen.
    – Die Frage der Finanzierung – schließlich waren meine Ausgaben auf das Einkommen einer Abteilungsleiterin in einem MDAX-Konzern ausgelegt.
    – Und nicht zuletzt die eigene Unsicherheit, ob ich wirklich das Talent und die Fähigkeiten für ein eigenes NLP-Institut mitbringen würde.
  5. Vordringen in die tiefste Höhle /zum schlimmsten Punkt: Irgendwann erreichte meine berufliche Unzufriedenheit einen Punkt, der nicht mehr auszuhalten war. Ich suchte mit allen und jedem Streit und empfand einfach alles als sinnlos. Ich überwarf mich mit Vorgesetzten und liess meinen Frust an Mitarbeitern aus (nicht nett, aber die Wahrheit). Irgendwann schlitterte ich an den Rand eines Burn-Outs. Ich wollte raus und hatte gleichzeitig panische Angst vor diesem Schritt. Erst als es wirklich nicht mehr ging, verhandelte ich endlich einen – sehr lukrativen – Ausstiegsvertrag. Er ebnete mir den Weg in die Selbstständigkeit. Der Traum von mir als Leiterin einer Unternehmenskommunikation war endgültig gestorben. In 2012 – also vier Jahre nach dem Überschreiten der Schwelle – machte ich mich mit WildWechsel endlich selbstständig.
  6. Aussöhnung mit dem Vater: An diesem Punkt war mir klar, dass man nur dann andere Menschen erfolgreich auf ihrem Weg begleiten kann, wenn man zunächst die eigenen Themen bearbeitet hat. So setzte ich mich im Rahmen meiner systemischen Ausbildung intensiv mit meinem Herkunftssystem auseinander. Ungezählte eigene Aufstellungen halfen mir, mich mit meinem Herkunftssystem auszusöhnen. Dies ging einher mit einer angemessenen Emanzipation von den dort vorhandenen Erwartungen und Ansprüchen. Erst dann lernte ich, die empfangenen Ressourcen zu wertschätzen und in meiner Arbeit zu integrieren.
  7. Apotheose: Der bekannte US-amerikanische Lifecoach Tony Robbins beschreibt die drei Schritte eines Entwicklungsprozesses wie folgt:
    – You have the impression that life is happening at you.
    – You feel that life is happening for you.
    – You realise that life is happening through you.
    Ich begann, immer öfter – gerade in meinen Aufstellungen und Coachings – das Gefühl zu haben, dass die Dinge durch mich – und nicht von mir – kommen. Dass ich dann im Dienst etwas Höherem stehe. Kostbare Momente.
  8. Höchste Prüfung und Erhalt des Elixiers: Es kam der Moment, an dem mich meine Mentoren nicht mehr begleiten konnten, an dem  ich meinen ganz eigenen Weg gehen musste. Denn sonst wäre WildWechsel nie mehr gewesen als ein müder Abklatsch ihrer Institute. Und ich nie mehr als eine bestenfalls mittelmäßige Kopie großartiger NLP-Lehrer. Ich musste meine eigene Vision entwickeln – für WildWechsel und für mich als Lehrcoach und Lehrtrainerin. Eine neue Identität musste auferstehen.
  9. Freiheit zum Leben: Durch das neue, wirklich eigene Selbstverständnis habe ich nach vielen Jahren eine neue Freiheit gefunden, mein Leben zu leben. Jetzt helfen mir diese – ursprünglich oft schmerzlichen – Erfahrungen, meine Coaching-Klienten und die Teilnehmer der NLP- und Coaching-Ausbildungen auf ihren eigenen, spannenden Heldenreisen zu begleiten.

Und so hat mich das Leben gelehrt, dass der Pfarrer mehr als fünf Jahrzehnten und das Johannes-Evangelium doch recht hatten. Erst kommt der Tod, dann die Auferstehung und dann das Leben. Diesen Wissen lässt mich meinen zukünftigen Heldenreisen, der ewigen Wiederkehr von Auferstehung und Leben, gelassener entgegen schauen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein frohes Osterfest, das Fest der Auferstehung und eine erfolgreiche Fortsetzung Eurer aktuellen Heldenreise.

Herzliche Grüße

Susanne

PS Die Heldenreise biete ich in der Zwischenzeit auch (mindestens) 1x jährlich als Seminar an. Gerade hat eine wundervolle Gruppe von Heldinnen und Helden sie erfolgreich abgeschlossen. Setz‘ dich gerne jetzt schon auf die Warteliste für nächstes Jahr.

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