Kalibrieren im NLP: So wirst du zum Menschenflüsterer

mensch mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken

Stell dir vor, du sitzt in einem Bewerbungsgespräch. Die Personalerin stellt dir Fragen, und während du antwortest, beobachtest du ihre Reaktionen genau. Du bemerkst, wie sie bei bestimmten Themen die Augen weitet und bei anderen leicht die Stirn runzelt. Durch dein Kalibrieren im Sinne des NLP, also die sinnlich-konkrete Wahrnehmung auf die Veränderung in ihrem Selbstausdruck (vgl. ​Dilts & DeLozier, 2000), bekommst du Hinweise darauf, welche Aspekte deiner Antworten gut ankommen und welche weniger. So kannst du deine Strategie anpassen und deine Chancen auf den Job erhöhen.

Oder stell dir vor, du bist auf einer Reise in ein fremdes Land und verstehst die Sprache nicht. Doch du kannst durch die genaue Wahrnehmung der Körpersprache und des Tonfalls deines Gegenübers viele Hinweise darauf bekommen, wie es ihm gerade geht. Du beginnst, die subtilen körpersprachlichen Signale zu entschlüsseln. So erhältst du mehr Hinweise auf die Gefühle und Gedanken deines Gegenübers, als seine Worte alleine dir je vermitteln könnten.

Kalibrieren im NLP bezeichnet also das sinnlich-konkrete Wahrnehmen des wahrnehmbaren Selbstausdrucks einer Person. Es bedeutet, deine Aufmerksamkeit bewusst auf das zu richten, was du sehen, hören, fühlen oder riechen kannst. 

Grundlage des Kalibrierens ­im NLP – Wahrnehmung als Schlüssel für Einfühlung und erfolgreiche Kommunikation

Im NLP gehen wir davon aus, dass innere Zustände wie Freude, Angst, Neugierde mit bestimmten Physiologien einhergehen ​(Lapp, 2023). Einige dieser Reaktionen sind genetisch verankert und bei allen Menschen ähnlich. Dies ermöglicht es uns, auch Menschen, die wir nicht kennen, bis zu einem gewissen Grad einzuschätzen. So äußert sich Angst auf der ganzen Welt am eingezogenen Kopf, an hochgezogenen Augenbrauen, weit aufgerissenen Augen und geweiteten Pupillen.

Darüber hinaus jedoch variieren die physiologischen Reaktionen von Person zu Person. So drücken manche Menschen Angst außerdem aus, indem ihre Pupillen schnell von rechts nach links wandern, während sie bei anderen einfrieren. Manche Menschen beginnen sogar zu kichern, während andere verstummen.

Deshalb verstehen wir im NLP körpersprachliche Ausdrucksweisen weniger als universelle Sprache, sondern vielmehr als individuellen Zugang zum inneren Erleben unseres Gegenübers – zu seinem ganz persönlichen Modell der Welt (Lapp, 2023). Ob jemand überrascht oder ängstlich ist, erkennen wir deutlich zuverlässiger, wenn wir uns von erlernten Definitionen, „was normal ist“ lösen und uns genau auf die nonverbalen Signale einer Person in einem bestimmten Zustand einstellen. 

Das Zusammenspiel von Kalibrieren im NLP und Interpretieren – ein Beispiel

Der Fokus liegt also beim Kalibrieren vor allem auf Veränderungen des körpersprachlichen Selbstausdrucks, um daraus im nächsten Schritt Rückschlüsse auf Veränderungen im Inneren eines Menschen ziehen zu können (Lapp, 2023).​ Stell dir vor, du bist im Gespräch mit dieser jungen Frau und du siehst zunächst ihren ersten Gesichtsausdruck (siehe Abbildung 1): Hochgezogene Mundwinkel, entspannte Stirnregion. Nun kannst du eine Vermutung anstellen, wie sie zu deinem gerade geäußerten Vorschlag steht – vielleicht wohlwollend offen.

Mensch mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken

Doch während du deinen Vorschlag weiter ausführst und dich gut auf sie kalibrierst (also genau hinschaust und nicht aufs Handy starrst), bemerkst du, wie ihr bisheriger Gesichtsausdruck plötzlich von Ausdruck 2 abgelöst wird: nach unten gezogenen Mundwinkeln und zusammengezogenen Augenbrauen.

Diese Wahrnehmung lässt dich vermuten, dass du gerade ihre Zustimmung verloren hast. Schnell justierst du nach und lenkst deinen Vorschlag in eine andere Richtung. Gesichtsausdruck 3 erscheint: Geöffneter Mund und geweitete Augen. Das könntest du als Überraschung interpretieren und potenzielles Interesse. So führst du deinen Vorschlag weiter aus und es erscheint Gesichtsausdruck 4: nach rechts oben gerichtete Augen und ein Auf-die-Lippen-beißen. Du könntest vermuten, dass sie erneut begonnen hat zu überlegen, ob sie deinem (angepassten) Vorschlag zustimmen soll. So konntest du durch dein sorgfältiges Kalibrieren eine Absage vermeiden und einen Erfolg verbuchen.

In der Realität sind die Veränderungen natürlich oft subtiler, aber das Prinzip das gleiche.

Und der ungeübte Beobachter wird sich fragen: Wie hat sie das bloß geschafft? Sie ist ja eine wahre Menschenflüsterin. (Nicht anders gehen übrigens die bekannten Mentalisten vor. Eigentlich sind sie „nur“ wahre Meister in der Kunst des Kalibrierens – so wie du bald auch 😊.)

In welchen Bereichen kannst du das Zusammenspiel aus Kalibrieren und Interpretieren besonders gut nutzen?

Im Folgenden findest du 5 Bereiche, in denen du Kalibrieren besonders gewinnbringend einsetzen kannst:

  1. Allgemeine Verbesserung der Kommunikation

Kalibrieren hilft, die nonverbalen Signale unseres Gegenübers zu erkennen und zu interpretieren, was zu einer effektiveren und klareren Kommunikation führt. Durch das Beobachten von Mimik, Gestik und Tonfall können wir Missverständnisse vermeiden und sicherstellen, dass unsere Botschaften wirklich ankommen. Das funktioniert beim Pizzaboten genauso gut wie bei der Vorstandsvorsitzenden. Mach‘ sorgfältiges Kalibrieren zur Grundlage jeder Kommunikation und genieße den Quantensprung in deinen Gesprächen.

  1. Aufbau tieferer Beziehungen

Durch Kalibrieren im Sinne des NLP können wir bessere Vermutungen über die wahren Gefühle und Bedürfnisse unserer Mitmenschen anstellen. Dies ermöglicht uns, empathischer zu reagieren und tiefere, authentischere Beziehungen aufzubauen, sei es im beruflichen oder privaten Umfeld. Erst, wenn du mitbekommst, dass sich hinter dem vermeintlichen Unwillen deines Mitarbeiters eigentlich eine tiefe Angst zu versagen verbirgt, kannst du darin unterstützen, diese zu überwinden. Dein Mitarbeiter und deine Teamergebnisse werden es dir danken.

  1. Erfolgreichere Verhandlungen

In Verhandlungen hilft uns Kalibrieren, die versteckten Signale und Absichten unseres Gegenübers zu erkennen. Indem wir seine subtilen körpersprachlichen Hinweise auf Zustimmung und Ablehnung wahrnehmen, können wir unsere Angebotsstrategie anpassen und Verhandlungsergebnisse zu unserem Vorteil beeinflussen.

  1. Verbesserung der Führungskompetenzen

Als Führungskraft ermöglicht dir Kalibrieren, die Stimmungen und Motivationen deiner Teammitglieder besser zu erkennen. So kannst du gezielter auf ihre Bedürfnisse eingehen, Konflikte frühzeitig erkennen und ein unterstützendes Arbeitsumfeld aufbauen.

  1. Persönliche Entwicklung und Selbstwahrnehmung

Kalibrieren hilft uns nicht nur, andere besser zu verstehen, sondern auch uns selbst. Durch die bewusste Wahrnehmung unserer eigenen Reaktionen und nonverbalen Signale können wir unsere Selbstwahrnehmung schärfen und persönliches Wachstum fördern.

Allgemein liefert dir Kalibrieren im NLP also wertvolle Hinweise 

  • auf Vorlieben und inhaltliche Positionen deines Gegenübers,
  • auf die Grenzen deines Gegenübers,
  • ob die Interaktion mit deinem Gegenüber läuft oder nicht.

Worauf genau kannst du dich bei deinem Gegenüber kalibrieren

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dich sinnlich-konkret auf dein Gegenüber zu kalibrieren ​(Lapp, 2023):

  1. Die visuelle Wahrnehmung: Du kannst dich auf alles kalibrieren, was du sehen kannst. Schau also auf Veränderungen in der Gestik, Mimik oder Körperhaltung. Was macht jemand beispielsweise mit seinen Mundwinkeln? Seinen Händen und Füßen? Wie raumgreifend sind seine Gesten? Wie aufrecht ist seine Körperhaltung und wie die Neigung seines Kopfes?
  2. Die auditive Wahrnehmung:Höre auf Aspekte wie Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit, Tonhöhe und Sprachmelodie. Wann wird eine Stimme lauter? Wann erhöht sich die Sprachgeschwindigkeit? Wann wechselt der Druck in der Stimme deines Gegenübers? All dies liefert dir wichtige Hinweise auf eine Veränderung im Zustand deines Gesprächspartners.
  3. Die kinästhetische Wahrnehmung:Hier kannst du dich nicht nur auf die Qualität von Berührungen kalibrieren, beispielsweise vom zaghaften Händedruck bis zum wuchtigen Beinahe-Zerquetschen deiner Hand, sondern auch auf deine eigenen Körperempfindungen in der Interaktion mit deinem Gegenüber. Wann schnürt es dir den Hals zusammen? Wann krampft dein Magen? Wir NLPer gehen davon aus, dass das, was in einem Menschen vorgeht, auch mit den inneren Vorgängen seines Gegenübers zu tun hat, weil wir Menschen über Spiegelneuronen verfügen, die das Erleben des anderen in uns spiegeln  (mehr dazu im Artikel „Spiegeln (Pacing) – deine Grundlage für jede gelingende Kommunikation“).
  4. Die olfaktorische Wahrnehmung: Manchmal liefert uns auch unser Geruchssinn wertvolle Anhaltspunkte. Ein bekanntes Beispiel ist der „Angstschweiß“, den man oft riechen kann. Auch der Geruch von Alkohol oder Zigarettenrauch kann Hinweise auf die inneren Zustände und das Verhalten unserer Mitmenschen geben.
  5. Die gustatorische Wahrnehmung: Der Vollständigkeit halber sei hier noch unser Geschmackssinn erwähnt. Diesen nutzen wir im Alltag jedoch nicht, um uns auf unser Gegenüber zu kalibrieren (außer natürlich beim Sex ).

Übung zum visuellen Kalibrieren auf Erfreuliches bzw. Unerfreuliches – schärfe deine Sinne

Um ein echter Experte im Kalibrieren im NLP zu werden, ist es notwendig, das sinnliche-konkrete (sensorisch-definite) Wahrnehmen zu üben und zu schärfen. So übst du, nicht auf deine Vorurteile zu vertrauen, sondern das wahrzunehmen, was wirklich da ist. Die folgende Übung hilft dir zukünftig, die Präferenzen deines Gegenübers deutlicher wahrzunehmen.

Frage ein Familienmitglied oder Bekannten, ob er Lust hat mitzumachen, und legt los:  

  1. Bitte dein Gegenüber an eine erfreuliche Tätigkeit zu denken. Fordere ihn auf, sich alles vorzustellen, was er in dieser Situation sieht, hört und fühlt. Er soll nicken, wenn er voll und ganz im Erleben ist. Beobachte dabei ganz genau seine Körpersprache – Mimik, Gestik und Haltung. 
  2. Bitte dann dein Gegenüber, nun an eine unerfreuliche Tätigkeit zu denken. Fordere ihn wieder auf, sich alles vorzustellen, was er in dieser Situation sieht, hört und fühlt. Er soll nicken, wenn er voll und ganz im Erleben ist. Beobachte auch hier genau seine Physiologien. Achte hierbei besonders auf die Unterschiede zur ersten Situation.
  3. Wiederhole 1. und 2. so oft, bis du glaubst die Unterscheide in seiner Physiologie zu erkennen, wenn er an die erfreuliche bzw. unerfreuliche Tätigkeit denkt. Beginne dann, Fragen in Bezug auf diese Tätigkeiten zu stellen, zum Beispiel: Bist du allein bei dieser Tätigkeit?
  • Hast du sie heute schon ausgeübt?
  • Welche hast du sie das letzte Mal getan?
  • Machst du diese Tätigkeit im Freien?

Während deiner Fragen denkt dein Gegenüber willkürlich an eine der beiden Tätigkeiten (sage ihm, dass das keine Übung in Pokerface ist. Er soll so natürlich wie möglich sein).

  1. Kalibriere dich auf seinen körpersprachlichen Ausdruck und entscheide aufgrund der Erkenntnisse, die du in Schritt 1 und 2 gesammelt hast, ob er an die erfreuliche oder unerfreuliche Tätigkeit denkt.

Du wirst überrascht sein, wie sicher du mit ein wenig Übung die Tätigkeit erkennen kannst, über die dein Gesprächspartner gerade nachsinnt. (Weitere super-effektive Übungen, die dir helfen, ein wahrer Menschenflüsterer zu werden, findest du im „Großen Handbuch für den systemischen NLP-Practitioner & Coach“) 

Fazit: Kalibrieren im NLP ist die feinfühlige Kunst, das Unausgesprochene wahrzunehmen

Du siehst: Kalibrieren nicht nur ein Konzept, sondern eine praktische Fähigkeit, die es dir ermöglicht, dich genau auf dein Gegenüber abzustimmen. Es ist die Kunst, kleinste nonverbale Reaktionen wahrzunehmen. Nur so kannst du ahnen (niemals wissen!), wie es in der Welt deines Gegenübers gerade wirklich aussieht.  Es ist der erste Schritt zu einer erfolgreichen professionellen Interaktion mit deinen Mitmenschen.  Probiere es in den nächsten Tagen einmal selbst aus. Du wirst dich wundern, wie viel besser du deine Mitmenschen von jetzt an verstehen wirst.  

Du willst noch mehr darüber erfahren, wie du dich genau auf dein Gegenüber einstellen kannst und von nun an professionell und gekonnt kommunizierst? Dann ist die Ausbildung zum NLP-Practitioner & Coach für dich genau das Richtige! Hier erfährst du mehr. 

Literaturverzeichnis

Bandler, R. G. (2007). Therapie in Trance (Konzepte der Humanwissenschaften). ‎ Klett-Cotta. 

Dilts, R., & DeLozier, J. (2000). Encyclopedia of systemic neuro-linguistic programming and NLP new coding. Scotts Valley, Calif.: NLP University Press. 

Lapp, D. S. (2024). Das große Handbuch für den systemischen NLP-Practitioner & Coach. WildWechsel Verlag.

Rapport – so stimmt die Chemie in deinen Beziehungen

Rapport – wenn die Chemie stimmt I

Hast du dich schon einmal bei einem Meeting umgeschaut und bemerkt, dass die Teilnehmer ihre Körpersprache erstaunlich schnell aufeinander einschwingen? Ich beobachte das jedes Wochenende in meinen Ausbildungsgruppen. Da hat beispielsweise die ganze linke Reihe das rechte Bein überschlagen, während gleichzeitig 5 andere den linken Arm aufgestützt haben. Woran das liegt? Am Rapport. Für mich ein Zeichen, dass die Chemie in der Gruppe stimmt.

Was ist Rapport? – Die Brücke zu tieferen und bedeutungsvolleren Beziehungen

Rapport ist im NLP definiert als eine Beziehung zwischen Menschen, die auf gegenseitiger Achtung, Wertschätzung und Vertrauen beruht. Es ist die Kunst, eine authentische Verbindung zu anderen herzustellen. Ein Gefühl von Verbindung und Harmonie, das wir oft mit Redewendungen wie „Wir haben die gleiche Wellenlänge“ oder „Die Chemie stimmt“ beschreiben. Rapport bezeichnet im NLP einen Zustand, in dem wir uns gegenseitig verstehen, uns wohl fühlen und Vertrauen zueinander aufbauen.  Kurz: die Voraussetzung dafür, dass das Miteinander reibungslos und effektiv läuft.

Die Kunst des Spiegelns – oder wie man Rapport aufbaut

Um Rapport aufzubauen, hilft es, wenn du deine Körpersprache der deines Gegenübers anpasst – also sein Ausdrucksverhalten spiegelst, wie wir im NLP sagen. Das geschieht oft unbewusst. So kannst du in einem Café beobachten, wie zwei ins Gespräch vertiefte Freundinnen sich intensiv spiegeln. Die eine greift zum Wasserglas – die andere ebenfalls. Die eine lächelt – die andere auch. Dadurch vermitteln sie sich nicht nur gegenseitige Wertschätzung (schau, ich bin wie du und das ist okay), sondern tauchen ein in das Modell der Welt der jeweils Anderen. Denn die Spiegelneuronen in ihren Hirnen vermitteln ihnen so Informationen darüber, wie sich die Andere fühlt und was sie gerade braucht. Sie schwingen sich im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander ein. Emotionale Nähe entsteht.

Dieses Einschwingen geht wesentlich weiter als man denkt. So konnte bei Orchestern gezeigt werden, dass die synchronisierte Aktivität nicht nur zu musikalischer Harmonie, sondern auch zu einer physiologischen Synchronisation führt. Bei den Musikerinnen gleichen sich Herzschlag, Blutdruck und Pulsfrequenz unbewusst an. Es entsteht ein hohes Maß an Rapport.

In meinem Artikel „Spiegeln – deine Grundlage für gelingende Kommunikation“ erfährst du bewährte Techniken und Strategien, um dein Gegenüber wirkungsvoll zu spiegeln. Und in meinem großen Handbuch für den systemischen NLP-Practitioner & Coach findest du genaue Schritt-für-Schritt-Anleitungen, wie du Spiegeln in unterschiedlichen Situationen üben kannst.

Du wirst feststellen: Bewusst Rapport aufbauen zu können, ist ein echter Gamechanger für deine private und berufliche Kommunikation.

Spiegeln mit Fingerspitzengefühl – Die Feinheiten verschiedener Rapportintensitäten

Unterschiedliche Menschen bevorzugen unterschiedliche Intensitäten von Rapport. Während es für einige Menschen gar nicht intensiv und nah genug sein kann, ist es für andere schnell zu viel.

Für manche Menschen ist intensives Spiegeln eine Wohltat. Bei solchen Individuen kannst du in die Vollen gehen: Spiegle ihre Gesten, Körperhaltung, Tonlagen und sogar ihre Sprachmuster – alles, was möglich ist. Du wirst feststellen, wie angenehm und unterstützend diese Art der Interaktion für sie ist.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, denen die Nähe durch umfassendes Spiegeln zu viel ist. Für sie ist ein sanfterer Rapport hilfreich. Wähle dann nur einen Aspekt ihres körpersprachlichen Selbstausdrucks (beispielsweise die Fusshaltung) und spiegele diesen.

In der Praxis bedeutet dies, dass es wichtig ist, sich sorgfältig auf die Signale deines Gegenübers einzustellen. Wenn du beginnst, ihn zu spiegeln und er blüht auf, intensiviere das Spiegeln. Wenn er sich dagegen körpersprachlich zurückzieht, dann reduziere die Intensität.

So lernst du, die Intensität deines Spiegelns zu intensivieren (und der Aufbau von Rapport mit den unterschiedlichsten Menschen fällt dir immer leichter)

Möchtest du die Auswirkungen unterschiedlich intensiven Spiegelns selbst erfahren? Dann übe es in unterschiedlichen Gesprächssituationen. Das nächste Mal, wenn du in der kommenden Woche in einem Gespräch bist, probiere einmal, den Selbstausdruck deines Gegenübers unterschiedlich intensiv zu spiegeln:

  1. Beginne damit, zunächst nur einen Aspekt zu spiegeln, wie zum Beispiel seine Körperhaltung.
  2. Steigere dann allmählich die Intensität, indem du auch deine Tonlage und dein Sprechtempo an ihn angleichst
  3. Schließlich beginne auch, seine Gestik und Mimik zu spiegeln. Lächle, wenn er lächelt. Greife zur Tasse, wenn er es tut. Und zucke mit den Schultern, wenn er es tut.
  4. Achte dabei auf seine Reaktion. Wann fühlt er sich deutlich wohler und ist voll im Rapport mit dir? Wann wird es zu viel, und du spürst, wie der Rapport bröckelt? Dann reduziere den Umfang deines Spiegelns, bis der Rapport wieder fest und stabil ist.

Durch diese Übung wirst du ein Gespür dafür entwickeln, wie viel Spiegeln und Rapport dein jeweiliger Gesprächspartner als angenehm erlebt. Denn: Jeder lebt in seinem Modell der Welt und hat seine eigene Vorstellung davon, wie viel Rapport angemessen ist. Deswegen ist es wichtig, sich auf jeden und jede Einzelne individuell einzustellen.

(Diese und viele andere N LP-Formate, um den Aufbau von Rapport zu üben, findest du ebenfalls in meinem „Großen Handbuch für den systemischen NLP-Practitioner & Coach“)

Was Rapport nicht ist

Rapport ist keine Manipulation oder Täuschung. Es geht nicht darum, jemanden zu überlisten oder zu kontrollieren. Rapport basiert auf Echtheit, Respekt und gegenseitigem Verständnis. Ein Politiker, der versucht, Rapport mit Wählern aufzubauen, indem er ein Eingehen auf ihre Bedürfnisse vortäuscht, wird langfristig das Vertrauen der Wähler verlieren.

Zudem ist Rapport nicht mit Freundschaft gleichzusetzen. Wenn zum Beispiel jemand dein Auto angefahren hat, hilft dir der Aufbau von Rapport zu dem Fahrer des anderen Wagens, die Situation schnell und konstruktiv zu lösen. Dasselbe gilt, wenn sich ein Kunde beschwert. Indem du zunächst Rapport zum Beschwerdesteller aufbaust, schaffst du die Voraussetzung, um danach eine konstruktive Lösung zu finden, die deinen Kunden zufriedenstellt und für dich auch in Ordnung ist.

Der Mismatch – gezielter Rapportabbruch

Kennst du das? Du sitzt im Zug, hast deine Lieblingsplaylist und zwei Hörbücher runtergeladen und freust dich auf eine entspannte Zugfahrt. Da setzt sich dir ein Fremder gegenüber und will unbedingt ein Gespräch beginnen. In solchen Momenten ist es äußerst hilfreich, die Technik des Missmatches zu kennen. Ein Mittel, um die Kommunikation gezielt zu unterbrechen oder zu beenden.

Bei Paaren lässt sich ein Missmatch der Körpersprache häufig beobachten, wenn die Zeichen auf Sturm stehen. Hier ein prominentes Beispiel (siehe Foto):

Charles und Diana im Mismatch

(Quelle: News AT)

Ein Missmatch im NLP bedeutet, bewusst auf das Spiegeln zu verzichten. Statt also dein Gegenüber in Körperhaltung und Lautstärke zu spiegeln, wählst du bewusst eine vollkommen Körperhaltung. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Gespräch so schnell beendet wird.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass ein Missmatch (zumindest vorübergehend) die Beziehung zu deinem Gegenüber belastet. Wenn du bereit bist, diese Irritation bewusst in Kauf zu nehmen, kann der richtige Moment für einen Missmatch gekommen sein.

Fazit: Rapport ist die Voraussetzung für reibungslose Kommunikation

Achte zukünftig einmal bewusst darauf, wie oft Menschen in verschiedenen Situationen in Rapport treten: sei es während einer Zugfahrt, im Umgang mit ihren Liebsten oder während des Teammeeting mit Kollegen. Du wirst feststellen, dass Rapport ein ständiger Begleiter ist – mal subtiler, mal intensiver, aber stets automatisch und meist unbewusst.

Rapport ist das Fundament erfolgreicher Kommunikation und zwischenmenschlicher Beziehungen. Indem du die Prinzipien und Techniken des Rapports verstehst und anwendest, kannst du deine Fähigkeiten verbessern, mit anderen zu interagieren, Konflikte zu lösen und gemeinsame Ziele zu erreichen.

Du willst die Fähigkeit, Rapport aufzubauen und souverän zu kommunizieren, gezielt erlernen und wünschst dir dabei Unterstützung? Dann ist die Ausbildung zum NLP-Practitioner & Coach für dich vielleicht genau das richtige. Hier erfährst du mehr.

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Leading – so übernimmst du in Minutenschnelle die Führung

Dein Kollege schafft es innerhalb von Minuten, den eben noch muffeligen Kunden zum Strahlen zu bringen und du fragst dich: Wie schafft er das? Ganz einfach: Er kennt das Geheimnis von Spiegeln und Leading. Er beginnt zunächst mit Spiegeln (Englisch: Pacing) , d.h. er übernimmt den körpersprachlichen Ausdruck seines Kunden. Er zieht also vielleicht die Mundwinkel genauso nach unten wie er und lässt die Schultern genauso hängen. (Mehr zu Pacing findest du in meinem Blogartikel hier). So signalisiert er ihm: Guck mal, ich bin wie du – und du bist okay.

So baut er Rapport auf. Der Kunde gewinnt den Eindruck, dass die Chemie zwischen den Beiden stimmt. Sobald der Rapport steht, beginnt dein Kollege, seine körpersprachlichen Ausdruck hin zu einem besseren Zustand zu verändern. Er fängt also vielleicht an zu lächeln und sich aufrechter hinzusetzen. Im NLP sagen wir: Er geht ins Lead. Nach dem Pacing ist er ins Leading übergegangen. Wenn jetzt auch ein Lächeln im Gesicht seines Kunden erscheint, hat das Zusammenspiel von Spiegeln und Leading funktioniert. Dein Kollege hat seinen Kunden darin unterstützt, sich besser zu fühlen.

Wichtig: Die Voraussetzungen, damit Pacing und Leading funktionieren, sind echtes Interesse, Respekt und Wertschätzung. Werden die Techniken nur eingesetzt, um Eskimos Kühlschränke zu verkaufen, wird der Versuch scheitern (und unethisch wäre es auch noch).

Die unsichtbare Kraft hinter erfolgreicher Kommunikation

Also nochmal zusammengefasst: Leading, zu Deutsch „Führen“, bezeichnet die Fähigkeit, auf der Basis von Rapport durch eine Veränderung deines körpersprachlichen Ausdrucks dein Gegenüber darin zu unterstützen, sich besser zu fühlen.

Um effektiv zu führen, ist es hilfreich, sowohl die Körpersprache als auch inhaltliche Aspekte – also Worte – zu spiegeln. So gelingt es, ausreichenden Rapport aufzubauen, um anschließend ins Lead zu gehen.

Nonverbales Leading – die Sprache des Körpers

Wusstest du, dass über 90% unserer Kommunikation nonverbal ist? Ob du gebückt, mit verschränkten Armen in einer Gehaltsverhandlung sitzt oder aufrecht, offen und selbstbewusst, beeinflusst den Verlauf dieses Gesprächs enorm. Genau deshalb ist es so wichtig, deine Körpersprache bewusst einzusetzen.

Beim nonverbalen Leading geht es darum, durch Gesten, Mimik und Körperhaltung eine positive Atmosphäre zu schaffen. So kannst du dein Gegenüber darin unterstützen, in einen besseren mentalen Zustand zu kommen, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Inhaltliches Leading – die Macht der Worte

Worte haben Macht. Beim inhaltlichen Leading geht es darum, die richtigen Worte zur richtigen Zeit einzusetzen. Wenn dein Gegenüber also sagt: „Das Projekt läuft schlecht“, kannst du ihn zunächst inhaltlich spiegeln, indem du sagst: „Du meinst – das Projekt läuft schlecht.“ so baust du Rapport auf und erhöhst die Bereitschaft des Anderen, dir zuzuhören.

Dann kannst du inhaltlich ins Leading zu gehen, indem du vielleicht fortfährst „Und deswegen wollte ich dir drei Schritte vorstellen, wie wir das Projekt jetzt beschleunigen können“.

Nutze die Macht der Sprache, um positive Veränderungen herbeizuführen.

Wozu du Leading in deinem Privatleben gebrauchen kannst

Leading kannst du nicht nur einsetzen, um deinen Kunden zum Lächeln zu bringen, sondern auch,

  • um dein Kind zu beruhigen, indem du mit einer ruhigen Stimme und einer zugewandten Körperhaltung Sicherheit vermittelst.
  • um deine Partnerin nach einem anstrengenden Tag im Büro dabei zu unterstützen, in die Entspannung zu kommen, indem du zunächst ihre Anstrengung spiegelst und dann ins Lead gehst und sie so in der Entspannung unterstützt.
  • deine aufgebrachten Nachbarn zu einem friedlichen Gespräch zu bewegen. Auch hier spiegelst du zunächst seine Aufregung über die vermeintlich falsch abgestellte Mülltonne und gehst dann ins Leading, indem deine Stimme ruhiger und deine Körperhaltung offener wird.

Wozu du Leading im Berufsleben nutzen kannst

Im Beruf ist die Leading eine echte Geheimwaffe, um

  • dein Team zu motivieren: Indem du zunächst ihre Bedenken spiegelst, baust du zunächst Rapport auf. Dann gehst du ins Leading über und beginnst, Zuversicht und neue Ideen zu vermitteln. Plötzlich wirst du einen ganz neuen Teamspirit erleben.
  • Verhandlungssituationen geschickt zu führen: Mit Leading kannst du die Stimmung und Dynamik des Gesprächs lenken. Nach dem Aufbau von Rapport gehst du ins Leading. Du zeigst dich offen für konstruktive Lösungen und kannst so die Kompromissbereitschaft erhöhen.
  • bei Präsentationen dein Publikum zu fesseln und zu überzeugen. Spiegel zunächst die Einwände, die deinen Zuhörern durch den Kopf gehen und geh‘ dann ins Lead, um diese Einwände zu entkräften.

Wozu du Leading in deiner Coaching-Praxis einsetzen kannst

Auch im Coaching ist gekonntes Leading unumgänglich, um eine vertrauensvolle Umgebung zu schaffen, in der der Coachee sich sicher fühlt. Beginne zunächst wieder mit sorgfältigem Spiegeln. Werde dann langsam ruhiger und offener. Beobachte sorgfältig, ob dein Klient diese körpersprachlichen angebote übernimmt. Wenn ja, hast du die perfekte Grundlage für eine gelingende Transformation geschaffen. Denn erst jetzt hat dein Klient das Gefühl, seine Gedanken und Gefühle teilen zu können.

Der Prozess kann in vier einfache Schritte unterteilt werden

Wo auch immer du die Leading anwenden möchtest, das vorgehen kann in die 4 folgenden Schritte unterteilt werden:

  1. KalibrierenAuf dein Gegenüber einschwingen

Achte auf dein Gegenüber: Welche Körperhaltung nimmt er ein? Welchen Tonfall und welche Lautstärke verwendet er beim Sprechen? Atmet er schneller als gewöhnlich? Sind seine Gesten ausgeprägt? Nehmen wir das Beispiel: Dein Partner spricht schnell und laut. Er verschränkt die Arme vor der Brust.

  1. Spiegeln/Pacing – Den Selbstausdruck von deinem Gegenüber aufnehmen 

Passe dann zunächst dein eigenes Ausdrucksverhalten an das deines Partners an. Verwende also eine ähnliche Tonlage, sprich etwas schneller und verschränke ebenfalls deine Arme – genau wie er. So signalisierst du ihm: Schau, wir sind uns ähnlich. So baust du also Rapport auf – die Basis jeder gelingenden Kommunikation.

  1. Leading – Führe deinen Gesprächspartner in einen besseren Zustand

Sobald du das Gefühl hast, das ausreichend Rapport besteht, kannst du zum Leading übergehen. Dazu veränderst du Schritt für Schritt deinen eigenen Selbstausdruck hin zu dem gewünschten Zustand, in den du deinen Partner führen möchtest. In unserem Beispiel: Verringere deine Sprechgeschwindigkeit, senke deine Stimme und öffne deine Arme.

  1. Testing – Überprüfe, ob der Selbstausdruck deines Gegenübers sich verändert

Beobachte aufmerksam, ob dein Partner dir körpersprachlich folgt. Ob er also ruhiger spricht und seine Stimme senkt, und ob sich seine Körperhaltung wie deine verändert hat. Sollte dies nicht der Fall sein, kehre zu Schritt 2 zurück und wiederhole den Prozess so lange, bis dein Partner dir folgt.

Leading als Schlüssel zum persönlichen Erfolg

Probiere es aus. Am Anfang ist es vielleicht ungewohnt, doch schnell wirst du feststellen, dass Leading eine wertvolle Fähigkeit ist, die es uns ermöglicht, andere Menschen positiv zu beeinflussen und sie in bessere Zustände zu führen.

Durch die bewusste Nutzung von nonverbalem und inhaltlichem Leading können wir Vertrauen aufbauen, Motivation fördern und positive Veränderungen bewirken. Indem wir diese Techniken in verschiedenen Bereichen unseres Lebens anwenden, können wir nicht nur die Regie in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen übernehmen, sondern auch unser eigenes Potenzial voll ausschöpfen.

Du willst mehr über die Geheimnisse souveräner Kommunikation wissen? Dann ist mein großes Handbuch für den systemischen NLP-Practitioner & Coach für dich genau das richtige. Viel Spaß bei der Lektüre!

 

Spiegeln (Pacing) – deine Grundlage für jede gelingende Kommunikation

Pärchen beim Flirten – Spiegeln in Aktion

Spiegeln (Pacing) – deine Grundlage für jede gelingende Kommunikation

Stell dir ein vollbesetztes Café vor. Es ist wirklich laut und du kannst nicht hören, was drei Tische weiter besprochen wird. Woran erkennst du, ob das Pärchen dort flirtet oder streitet. Die Antwort ist so einfach wie verblüffend – am Ausmaß ihres gegenseitigen Spiegelns. Je intensiver sie sich spiegeln, umso besser läuft die Beziehung. Eine Regel, die nicht nur für Paar-, sondern für alle Beziehungen gilt. Deswegen: Spiegeln (Pacing) bildet deine Grundlage für jede gelingende Kommunikation. Je besser es dir zukünftig gelingt, dein Gegenüber zu spiegeln, umso angenehmer werden deine Gespräche laufen.

Was meinen wir mit Spiegeln (engl.: Pacing)?

Spiegeln meint, dem Ausdrucksverhalten des Gesprächspartners mit dem eigenen Ausdrucksverhalten zu begegnen.

Was bedeutet das konkret? Schau dir das Foto oben an. Die Frau hat beide Arme auf dem Tisch aufgestützt. Der Mann hat beide Arme auf dem Tisch aufgestützt. Sie hält die Tasse mit beiden Händen. Er hält die Tasse mit beiden Händen. Sie schaut leicht von unten. Er schaut leicht von unten. Sie lächelt. Er lächelt. Sie spiegelt (oder: paced) also ihn und umgekehrt. Man kann es nicht übersehen: Die beiden flirten. Ein Beispiel für gelingende Kommunikation.

Schau dir dagegen dieses Foto an:

Paar beim Streiten – kein Spiegeln

Sie hat die Beine zusammen, er sitzt breitbeinig da. Sie schaut auf den Fussboden, er schaut sie an. Ihre rechte Hand ist leicht geöffnet; seine zur Faust geschlossen. Ihre linke Hand ist offen und erhoben; seine auf sie gerichtet.  Die beiden spiegeln sich nicht. Es ist offensichtlich: Sie streiten. So kann Kommunikation nicht gelingen.

Was bewirkt Spiegeln / Pacing? Wofür ist es gut?

Spiegeln hat tatsächlich zwei wundersame Effekte:

  • Es bewirkt, dass wir unserem Gesprächspartner auf einer Meta-Ebene signalisieren „Schau, ich bin wie du und das ist prima.“ Wir schaffen also eine verbindende Gesprächsgrundlage. Es entsteht ein Gefühl von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung.
  • Zum anderen vermittelt das Spiegeln dem, der spiegelt, ein Gefühl dafür, wie es seinem Gesprächspartner in diesem Moment gerade geht (natürlich sollst du nicht ewig in dieser Körperhaltung verharren, sondern dann ins Leading gehen und ihn so unterstützen, in einen besseren Zustand zu kommen. Wie das geht, erfährst du in dem Artikel „Leading – so bringe ich mein Gegenüber in einen besseren Zustand“.)

Spiegeln bewirkt also nicht nur ein Verständnis für, sondern auch ein Zugang zu den Gefühlen des Anderen.

Nonverbales Spiegeln – den körpersprachlichen Selbstausdruck deines Gegenübers aufnehmen

Wie schon im Beispiel oben erwähnt, können wir den körpersprachlichen Ausdruck unseres Gegenübers spiegeln. Dazu zählen:

  • Die Körperhaltung
  • Die Kopfhaltung
  • Die Gestik
  • Die Mimik
  • Der Lidschlag
  • Der Atemrhythmus

Wenn zum Beispiel eine Person eine wichtige Aussage immer mit einer bestimmten Handbewegung unterstreicht und sich zum Beispiel mit der Faust in die flache Hand schlägt, kann es sinnvoll sein, deine eigenen wichtigen Aussagen dieser Person gegenüber mit der gleichen Geste zu verbinden, um mehr Verständnis zu erhalten. Eine weiter Möglichkeit ist es, deine Atmung an die Atmung deines Gesprächspartners anzupassen.

Den auditiven Selbstausdruck deines Gegenübers spiegeln – sprich wie er

Auditiv können wir folgende Aspekte des Selbstausdrucks unseres Gegenübers spiegeln:

  • Seine Sprechlautstärke
  • Seine Sprechgeschwindigkeit
  • Seine Tonalität
  • Seine Sprachrhythmus

Wenn dein Gegenüber also sehr leise spricht, senke deine Lautstärke ruhig ebenfalls etwas ab. Wenn er sehr langsam spricht, reduziere deine Sprechgeschwindigkeit und wenn er gerne komplexe Satzkonstruktionen verwendet, erhöhe gerne die Komplexität deiner Sätze. Alles vermittelt ihm die Botschaft „Du bist okay und wir sind uns ähnlich.“ Die Qualität deiner Gespräche wird es dir danken.

Inhaltliches Spiegeln – Hören, was dein Gegenüber sagt

Wir Menschen drücken uns nicht nur nonverbal aus, sondern verbal – also mit Worten – aus. Und diese können auch wir spiegeln. Manche Menschen benutzen bestimmte Wörter sehr häufig. Außerdem kann es sinnvoll sein, konkrete Aussagen zu spiegeln, indem du sie wortwörtlich wiederholst. Wenn dein Chef zum Beispiel sagt: „Das sieht doch schon sehr gut aus“, stärkt es eure Verbindung, wenn du bekräftigst: „Ja, das sieht wirklich gut aus“ (natürlich nur, wenn du es auch so meinst.)

Stell dir vor, du würdest für die Bestätigung stattdessen ein „Stimmt, fühlt sich gut an“ wählen. Spürst du die Irritation, die das auslöst? Diese vermeidest du durch sorgfältiges inhaltliches Spiegeln.

Warum funktioniert Spiegeln so gut?

Seit der Entdeckung der Spiegelneuronen im Jahr 1992 haben wir eine Vorstellung, wieso die Technik des Spiegelns so mächtig sein könnte für gelingende Kommunikation.

In diesem Jahr beschrieb das wissenschaftliche Team um Giacomo Rizzolatti, dass ein bestimmtes Areal im Hirn von Makaken-Affen nicht nur dann aktiviert wird, wenn sie selbst eine Erdnuss öffnen, sondern auch, wenn sie lediglich einen anderen Affen dabei beobachten. Die dafür zuständigen Neuronen nannten sie Spiegelneuronen – Neuronen also, die beim Beobachten einer Handlung unseres Gegenübers dieselben Hirnarealen aktivieren, die auch aktiviert werden, wenn diese Tätigkeit selbst ausgeübt wird.

Spiegelneuronen wurden im Jahr 2010 auch bei Menschen nachgewiesen. Es wird vermutet, dass sie ein „Als-Ob-Gefühl“ in uns produzieren und so helfen, die inneren Zustände unseres Gegenübers nachzuerleben und zu verstehen.

Weitere Möglichkeiten, dein Gegenüber zu spiegeln

Außer dem non-verbalen und dem verbalen Verhalten (angesiedelt auf der 2. Dilts-Ebene „Verhalten“) auch höhere Dilts-Ebenen deines Gegenübers spiegeln. Du kannst spiegeln

  • Seine Werte (Wenn ihm also Respekt wichtig ist und dir auch, dann betone das gerne).
  • Seine Glaubenssätze (Wenn er einen Glaubenssatz hat wie „Ohne Fleiß kein Preis“ und du diese Überzeugung teilst, unterstreiche es)
  • Seine Identität (Wenn er sich als Macher versteht und du dich auch, heb es hervor)
  • Seine Zugehörigkeit (Er versteht sich als Arbeiterkind und du dich auch? Großartig!)
  • Seine Vision und Mission (Er arbeitet für eine bessere Welt, in der jede*r zu seiner Meinung stehen kann und du auch? Sag es ihm).

Es versteht sich von selbst, dass du auf diesen Dilts-Ebenen nur Spiegeln solltest, wenn dies deinen authentischen Überzeugungen entspricht. Alles andere wäre Selbstverrat und unauthentisch. Dein Gegenüber würde dies – zumindest unbewusst – spüren und sich zurückziehen.

Spiegeln (Pacing) – deine Grundlage für jede gelingende Kommunikation. Aber gibt es Grenzen des Spiegelns?

Ja, die gibt es. Grundsätzlich spiegeln wir nicht:

  • Dialekt (es sei denn, wir beherrschen ihn wirklich)
  • Alle „Ticks“ unseres Gegenübers
  • Alles, womit wir uns nicht wohlfühlen (so wird sich eine Frau in einem sehr kurzen Rock oft nicht wohlfühlen, wenn sie sich breitbeinig in einem Sesseln lümmeln sollte, nur weil ihr Gegenüber dies tut).

Eine häufige Sorge: Fühlt sich der Andere nicht „nachgeäfft“?

Kurze Antwort: Nein. Die meisten Menschen sind so mit sich beschäftigt, dass sie es gar nicht bemerken, wenn sie gespiegelt werden. Und wie gesagt, es ist etwas, dass Menschen ohnehin automatisch tun, wenn sie sich miteinander wohlfühlen, so dass sie es nicht als störend empfinden.

Menschen mit NLP-Kenntnissen bemerken es ggf. durchaus, empfinden es dann aber als die Geste der Wertschätzung und des Bemühens um ein gutes Miteinander, die es ja schließlich ist,

Einfaches Spiegeln und Überkreuz-Spiegeln – Spiegeln für Fortgeschrittene

Du kannst die Körpersprache deines Gegenübers auf zwei verschiedene Arten spiegeln.

  1. Einfaches Spiegeln

Hier nimmst du zum Beispiel die gleiche Arm- oder Beinhaltung ein, wie dein Gegenüber und verschränkst vielleicht, genau wie er deine Arme.

  1. Überkreuz-Spiegeln

Hier ersetzt du Verhalten aus einem nonverbalen Kanal durch Verhalten in einem anderen non-verbalen Kanal. Wenn dein Gegenüber beispielsweise in einem bestimmten Rhythmus mit den Fingern auf den Tisch trommelt, kannst du diese Geste Überkreuz-Spiegeln, indem du den Rhythmus mit deinem wippenden Fuß aufgreifst, oder du bewegst deinen Fuß passend zum Atemrhythmus deines Gegenübers. Überkreuz-Spiegeln ist in seiner Wirkung häufig subtiler und funktioniert deswegen oft gut bei Menschen, die misstrauisch gegenüber Nähe sind.

Auch im Coaching: Spiegeln (Pacing) – deine Grundlage für jede gelingende Kommunikation

Im Coaching-Kontext bildet Spiegeln die Grundlage für den Aufbau von Vertrauen. Durch sorgfältiges Spiegeln deines Coachees gewinnst du wichtige Eindrücke seines mentalen und emotionalen States. So kannst du leichter die passende Coaching-Intervention wählen und ihn sicher durch die Transformation führen.

Deswegen sind alle erfolgreichen Coaches wahre Meister und Meisterinnen des Spiegelns.

Du siehst: Spiegeln (Pacing) – deine Grundlage für jede gelingende Kommunikation

Jetzt, wo du einen Überblick darüber hast, wie du dein Gegenüber erfolgreich spiegeln kannst, lade ich dich ein, dein neugewonnenes Wissen im nächsten Gespräch direkt in die Tat umzusetzen. Egal ob ein Chef, Freundin, Partner oder Kinder – mit Hilfe des Spiegelns wirst du merken, wie viel leichter die Kommunikation in den unterschiedlichsten Situationen fließen wird. Du wirst dich wundern, welche Quantensprünge du in deinen Gesprächen zukünftig erlebst. Denn: Spiegeln (Pacing) – deine Grundlage für jede gelingende Kommunikation.

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Und auch hier gilt: Übung macht den Meister. Viel Spaß dabei! Genieße deine Erfolge.

Spiegeln (Pacing) – deine Grundlage für jede gelingende Kommunikation

 

Die Repräsentationssysteme im NLP: Definition, Vorteile und Einsatz in der professionellen Kommunikation

Repräsentationssysteme: Definition und Nutzen

Der Begriff „Repräsentationssysteme“ bezeichnet im NLP die Mechanismen, mit denen wir unsere äußere Welt in unserer Psyche repräsentieren. Analog zu unseren fünf Sinnen unterscheiden wir fünf Repräsentationssysteme:

  1. Das visuelle Rep-System: Unsere inneren Bilder
  2. Das auditive Rep-System: Unsere inneren Stimmen
  3. Das kinästhetische Rep-System: Unsere Körperempfindungen (grob- und feinstoffliche Energien)
  4. Das olfaktorische Rep-System: Unsere Geruchserlebnisse
  5. Das gustatorische Rep-System: Unsere Geschmackserlebnisse

Jedes Repräsentationssystem bietet bestimmte Vorteile, wenn es darum geht, unsere Umwelt zu erfassen, zu verarbeiten, zu speichern und abzurufen. Darüber erfährst du weiter unten mehr.

Abgekürzt sprechen wir auch anstelle von Repräsentationssystemen von Rep-Systemen.

Lust auf einen Selbstversuch zu deinem bevorzugten Rep-System?

Lies dir die folgende Geschichte durch und achte darauf, welche Beschreibungen für dich am intensivsten waren:

„Mein letzter Urlaub: Schon von weitem sah ich das blaue Meer am Horizont auftauchen. Ich sah, wie die weißen Bungalows des Hotels sich davor erhoben und wie sich die grünen Palmen im Wind wiegten. Im Näherkommen erkannte ich die Musiker in ihren bunten Kostümen, die zu unserer Begrüßung versammelt waren. So schön. Als ich aus dem Bus stieg, hörte ich die vertrauten Klänge und auf meinem Weg zum Strand das Kreischen der Möwe über mir und das Wogen der Wellen vor mir. Wunderbar, Schnell zog ich meine Schuhe aus und spürte auch schon den warmen Sand zwischen den Zehen. Und als dann das angenehm kühle Wasser meine Beine umspülte, war meine Welt perfekt.“

Welche Beschreibungen haben dich am meisten abgeholt? Die der visuellen Eindrücke, die auditiven oder die, die sich auf das Fühlen bezogen? Dies kann dir erste Hinweise auf dein bevorzugtes Rep-System geben.

Mit unseren Repräsentationssystemen erschaffen wir unser subjektives Erleben. Es bildet die Grundlage für unser Verhalten. (Bandler, Dilts, DeLozier, & Grinder, 1980) (Dilts & DeLozier, 2000) (Lapp, 2023). Man kann somit sagen, dass wir mit unseren Repräsentationssystemen unser individuelles, innerpsychisches Modell der Welt erzeugen.

Struktur der Repräsentationssysteme

Jedes Repräsentationssystem umfasst ein Netzwerk neuronaler Strukturen und Prozesse, die in drei unterschiedliche Phasen eingeteilt werden können:

  1. Input: Das Sammeln von Umweltinformationen und Feedback. Dabei wird unterschieden zwischen internalen (innerlich generierte Sinneseindrücke, z. B. innere Stimmen & Bilder) und externalen Informationen (Sinneseindrücken aus der Umwelt)
  2. Repräsentation/Verarbeitung: Dies umfasst die Organisation und Kategorisierung der Umwelt sowie die Entwicklung und Planung von Verhaltensstrategien, wie z.B. Lernen, Entscheidungsfindung, Speicherung der Information.
  3. Output: Umwandlung der Informationen aus 2. in Interaktionen mit der Umwelt, also Umwandlung in unser Verhalten

In ihrer Gesamtheit bilden diese Systeme somit die grundlegenden Strukturen menschlichen Erlebens und Verhaltens – sozusagen unser „Verhaltensvokubalur“.

Was verstehen wir unter dem primären Repräsentationssystem und unter dem Haupt-Repräsentationssystem?

Durch Umwelteinflüsse entwickelt und nutzt jeder Mensch seine Repräsentationssysteme unterschiedlich. So schaut der eine lieber YouTube-Videos, während die Andere sich Podcast anhört und ein Dritter die Dinge selbst ausprobieren muss, um etwas im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Im NLP wird das bevorzugte Rep-System eines Menschen auch als sein primäres Repräsentationssystem bezeichnet.

Beim Menschen spielen vor allem das visuelle, das auditive und das kinästhetische Repräsentationssystem eine große Rolle in der Wahrnehmung und Organisation unserer Umwelt, so dass diese im NLP auch als Haupt-Repräsentationssysteme bezeichnet werden (Lapp, 2023) (Dilts & DeLozier, 2000). Das olfaktorische und gustatorische System sind im Laufe der menschlichen Evolution, anders als bei anderen Tierarten, zunehmend in den Hintergrund getreten.

Grundsätzlich bildet immer ein Zusammenspiel aller Repräsentationssysteme die Gesamtheit menschlichen Erlebens (Bandler, Dilts, DeLozier, & Grinder, 1980). Dadurch entsteht auch die emotionale Bedeutung, die wir einem Ereignis oder einem Erleben zumessen.

Die unterschiedlichen Vor- und Nachteile der einzelnen Repräsentationssysteme

Jedes Rep-System weist spezifische Stärken und Schwächen auf, sodass die (meist unbewusste) Wahl des bevorzugten Systems sowohl die Informationsaufnahme als auch die nachfolgenden inneren Prozesse maßgeblich beeinflusst (Lapp, 2023).

Das visuelle Repräsentationssystem – gut für schnellen Überblick und parallele Informationsverarbeitung

Das Sinnesorgan für das visuelle Informationssystem ist das Auge. Es verarbeitet visuelle Sinneseindrücke und ist in der Lage eine große Informationsfülle gleichzeitig abzubilden. Im NLP unterscheiden wir drei unterschiedlichen Arten der visuellen Repräsentation (Lapp, 2023):

  1. Visuell-extern: Fähigkeit mit den Augen wahrgenommene Information als innere Bilder abzubilden.
  2. Visuell-intern
    1. Visuell-erinnert: Das Wiederabrufen von bereits erfahrenen Bildern vor dem inneren Auge, z. B. wenn wir uns an das heutige Meeting erinnern und uns dabei noch mal die einzelnen Slides der PowerPoint-Präsentation vor Augen führen.
    2. Visuell-konstruiert: Das Schaffen neuer innerer Bilder ohne äußere Vorlage, z. B. wenn wir uns vorstellen, wie die Dekoration einer Torte aussehen soll, bevor wir die Torte wirklich verzieren.

Das auditive Repräsentationssystem: Stark in der sequentiellen Verarbeitung von Informationen

Das Sinnesorgan für das auditive Repräsentationssystem sind die Ohren. Es ist besonders gut zur sequenziellen Speicherung von Informationen geeignet. Neben der Unterscheidung der Darstellungsarten zwischen intern und extern spielen beim auditiven System auch die Unterscheidung zwischen tonal (wie etwas klingt) und digital (was, das gehörte bedeutet) eine große Rolle. Daraus ergeben sich folgende Repräsentationsmöglichkeiten (Lapp, 2023):

  1. Auditiv-extern: Diese Rep-System unterteilen wir weiter in auditiv-extern-tonal und in auditiv-extern-digital.
    1. Auditiv-extern-tonal: Diese Rep-System meint die Fähigkeit, Unterschiede in Tonhöhe, Rhythmus, Lautstärke etc. wahrzunehmen. Wenn ich also in einem Gespräch weniger auf das gesprochene Wort als vielmehr auf den Klang der Stimme und die Lautstärke meines Gegenübers achte, fokussiere ich mich auf den auditiv-extern-tonalen Aspekt des Dialogs.
    2. Auditiv-extern-digital: Diese Rep-System bezieht sich auf die Fähigkeit, auditiven Informationen einen Sinn oder Inhalt zu geben. Wenn ich mich also auf die ganz konkret gesprochenen Worte fokussiere, liegt mein Schwerpunkt beim auditiv-extern-digitalen Rep-System.
  2. Auditiv-intern: Auch hier unterscheiden wir zwischen tonal und digital. Darüber hinaus auch noch zwischen konstruiert und erinnert.
    1. Auditiv-intern-tonal
      1. Erinnert: Erinnern an wahrgenommene Geräusche, Lautstärken, Melodien etc.
      2. Konstruiert: Wir konstruieren auditiv-intern-tonale Erlebnisse, wie z. B. das Komponieren neuer Musikstücke oder den Klang meiner Stimme beim beabsichtigten Feedback-Gespräch mit meinem Mitarbeiter.
    2. Auditiv-intern-digital
      1. Erinnert: Wenn wir uns (im Wortlaut) an Worte erinnern, die wir vorher gehört haben, z. B. wenn wir ein Gedicht wiedergeben.
      2. Konstruiert: Wenn wir uns z. B. Geschichten ausdenken, die wir vorher noch nie gehört haben.

Das kinästhetische Repräsentationssystem – alles, was uns berührt

Ein Sinnesorgan des kinästhetischen Repräsentationssystems ist die Haut oder – besser gesagt – die in der Haut befindlichen Sensoren sowie unser gesamtes körperliches Erleben (beispielsweise der Kloß im Hals, der Krampf im Magen, der Stich im Herz). Dieses System eignet sich zum einen besonders zum Erlernen und Speichern von Bewegungsabläufen und zum anderen für unser sprichwörtliches Bauchgefühl (das fühlt sich gut an – oder eben nicht). Auch hier wird zwischen externen und internalen Informationen unterschieden (Lapp, 2023):

  1. Kinästhetisch-extern: Dies meint das Wahrnehmen äußerer Reize, wie z.B. die Temperatur einer geschüttelten Hand, der Druck eines Schulterklopfens oder die Oberflächenbeschaffenheit einer Sitzgelegenheit.
  2. Kinästhetisch-intern: Dies bezieht sich auf ein Körperempfinden. Hier unterscheiden wir wieder in erinnert und konstruiert:
    1. Erinnert: Wenn ich z. B. den Bewegungsablauf eines Saltos, den ich vergangene Woche im Training absolviert habe, erneut im Körper nachvollziehe.
    2. Konstruiert: Wenn ich mir vorstelle, wie sich der erste Kuss mit dem Mann, in den ich so verliebt bin, anfühlen wird.

Jeder hat alle Repräsentationssysteme, aber ihre Ausprägungen unterscheiden uns

Jeder von uns verfügt über alle Rep-Systeme. Aber wir unterscheiden uns darin, wie viele Unterscheidungen wir darin treffen können. Folgende Merkmale können wir nutzen, um die Nutzung des einzelnen Rep-Systems einzuschätzen:

  • Intensität der Repräsentationen
  • Grad, Detailgenauigkeit und Geschwindigkeit, mit denen Informationen abgespeichert und wieder abgerufen werden können
  • Auffassungsgabe und Speicherkapazität
  • Noise (Beeinträchtigung durch andere Repräsentationssysteme)
  • Fähigkeit zur gleichzeitigen Verarbeitung in mehreren Repräsentationssystemen
  • Fähigkeit, gezielt Informationen zu verändern (Dies bezieht sich zum einen auf die kreative Fähigkeit, aus vorhandenen Informationen neues Wissen oder neue Ideen zu generieren und zum anderen auf die Veränderlichkeit von Informationen im Laufe der Zeit.)
  • Zahl bewusster Unterscheidungen, die innerhalb eines Repräsentationssystem gemacht werden können
  • Fähigkeit, Informationen zu organisieren
  • Primäres Repräsentations-, Lead-, und Referenzsystem (dazu gleich mehr).

Primäres Rep-System – wir verarbeiten wir Informationen am liebsten?

Häufig bevorzugen wir die Informationsverarbeitung in einem Rep-System. Dieses Rep-System nennen wir dann das primäre Rep-System. Es hat großen Einfluss darauf, wie ein Mensch seine Umwelt wahrnimmt und mit ihr interagiert:

  • So bevorzugen visuell orientierte Menschen innere Bilder zur Informationsspeicherung oder Entscheidungsfindung.
  • Auditive Typen hingegen nutzen bevorzugt ihre inneren Dialoge zur Erinnerung und Entscheidungsfindung.
  • Kinästhetische Typen dagegen verlassen sich gerne auf ihr (Bauch-)Gefühl.

Das Lead-System – wie nehme ich Informationen bevorzugt auf?

Je nach Entwicklungsgrad des primären Rep-Systems verfügen Menschen manchmal über ein sogenanntes Lead-System. In diesem Fall unterscheidet sich das bevorzugte Input-System von der bevorzugten Art der Repräsentation. Zum Beispiel kann eine Person visuellen Input bevorzugen, diesen jedoch am liebsten auditiv in Form eines inneren Dialogs verarbeiten und speichern. Eine andere Person dagegen nimmt Informationen lieber über den auditiven Kanal auf, verarbeitet sie dann aber in der Form von inneren Bildern.

Das Referenzsystems zur Überprüfung von Entscheidungen

Eine dritte Unterscheidung der Repräsentationssysteme im NLP bezieht sich auf das sogenannte Referenzsystem. Damit meinen wir das System, welches ein Mensch nutzt, um seine Schlussfolgerungen und Entscheidungen zu überprüfen. Handelt es sich zum Beispiel um das kinästhetische System, so sollten sich Entscheidungen für die betreffende Person „richtig anfühlen“, während auditive Typen ihre „innere Stimme“ für eine Überprüfung zu Rate ziehen werden.

Wie hilft es mir, wenn ich meine bevorzugten Repräsentationssysteme kenne?

Die eigenen bevorzugten Rep-Systeme zu kennen, bringt eine Vielzahl von Vorteilen. Hier zwei Beispiele:

  • Beim Aneignen neuen Wissens: Visuell-orientierte Menschen lernen am besten, wenn sie mit Schaubildern, Zeichnungen, Grafiken etc. arbeiten können. Bereite deinen Lernstoff entsprechend auf. Nutze unterschiedlich farbige Marker. Hänge Poster mit dem visuell aufbereiteten Wissen an verschiedenen Stellen in deiner Wohnung / deinem Büro auf. Wenn du eher das auditive Rep-System bevorzugst, sprich gerne beim Lernen vor dich hin. Fertige ggf. Audio-Dateien von deinem Lernstoff an, die du dir immer wieder anhören kannst (z. B. im Auto, bei der Hausarbeit oder beim Sport). Kinästhetischen Menschen hilft es, wenn sie sich beim Lernen bewegen können. Gehe spazieren, während du dir die Aufzeichnungen anhörst oder nimm bewusst in deinem Arbeitszimmer immer wieder andere Haltungen ein.
  • Beim Treffen von Entscheidungen: Wenn du weißt, ob du für deine Entscheidungen eher auf deine inneren Bilder, innere Stimme oder deine Körperempfindungen (dein Bauchgefühl) zurückgreifst, kannst du deine Entscheidungsvorlagen so aufbereiten, wie du es brauchst (Extra-Tipp: Das funktioniert auch mit Vorgesetzten: ist deine Chefin visuell, dann zeig ihr Grafiken. Ist dein Chef auditiv, dann trag‘ ihm etwas vor. Hast du es mit einer Kinästhetin zu tun, bring ihr ein Modell mit).

Nutze das Wissen um Repräsentationssysteme für die Kommunikation mit Anderen

Darüber hinaus kann die Kenntnis der Repräsentationssysteme dir helfen, dich besser auf zwischenmenschliche Beziehungen einzustellen und Konflikte zu lösen.

Stellt sich die Frage, woran du das bevorzugte Rep-System deines Gegenübers erkennst? Ganz einfach – an der Sprache, die er benutzt. Wenn jemand zum Beispiel sagt „Das sieht für mich gut aus“, ist das ein Hinweis, dass er gerade im visuellen Rep-System unterwegs ist. Formuliert er seine Zustimmung stattdessen mit einem „Hört sich für mich gut an“, kannst du vermuten, dass er gerade sein auditives Rep-System aktiviert hat. Und wie formuliert ein Kinästhet wohl sein Einvernehmen? Genau, durch ein „das fühlt sich gut an“.

Mit diesem Wissen kannst du deinem Gegenüber in dem Rep-System antworten, das er gerade nutzt – du holst ihn im wahrsten Sinne des Wortes dort ab, wo er gerade ist. Du wirst überrascht sein, wie viel reibungsloser deine Gespräche laufen werden.

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Literaturverzeichnis

Bandler, R., Dilts, R., DeLozier, J., & Grinder, J. (1980). Neuro-Linguistic Programming: Volume I (The Study of the Structure of Subjective Experience). Meta Publications.

Dilts, R., & DeLozier, J. (2000). Encyclopedia of systemic neuro-linguistic programming and NLP new coding. Scotts Valley, Calif.: NLP University Press.

Lapp, D. S. (2023). Das große Handbuch für den systemischen NLP-Practitioner & Coach. werdewelt Verlags- und Medienhaus GmbH.

 

Das Aufstellungsphänomen – von Klaus Grochowiak

Weil viele von Euch nach den Fachartikeln von Klaus gefragt haben, werde ich diese in den kommenden Monaten in lockerer Reihenfolge erneut veröffentlichen.

Den Anfang macht der Artikel „Das Aufstellungsphänomen“, den Klaus in 2006 veröffentlicht hat. Im Rahmen des Artikels setzt er sich kritisch mit der phänomenologischen vs. der konstruktivistischen Sicht auf Aufstellungen auseinander.

Außerdem legt er dar, wieso unterschiedliche, häufig diskutierte Erklärungsansätze, bis heute eben nicht dazu in der Lage sind, das Aufstellungsphänomen zu erklären.

Doch auch wenn wir es noch nicht erklären können, können wir doch schon von den vielfältigen segensreichen Wirkungen von Aufstellungen profitieren.

Hier geht es direkt zum Aufsatz:

Das Aufstellungsphänomen

Viel Spaß bei der Lektüre!

Trauma, Spiritualität und ich – erschienen in Praxis Kommunikation 6/2019

von Dr. Susanne Lapp

In der aktuellen Praxis Kommunikation, 6/2019, beschreibe ich meinen persönlichen Weg zur Verbindung mit mir, dem Heilen von Traumata, dem Erwachen meiner Spiritualität und wie ich diese Fähigkeiten heute in meinen Coachings einsetze.

Den kompletten Artikel findest du hier:

Artikel Praxis Kommunikation

Viel Spaß und gute Erkenntnisse beim Lesen!

 

Der übende Mensch und sein Trainer

von Klaus Grochowiak

Dieser Text ist als ein Beitrag zu verstehen, in dem wir uns mit unserer Tätigkeit als Trainer kritisch und in historischer Perspektive auseinandersetzen.

Parallel zu diesem Text empfehle ich den Podcast „Trainer–Identität, den ich auf den einschlägigen Portalen veröffentlicht habe.

Die Sorge des Menschen um sich selbst und um seine persönliche Entwicklung ist spwohl in der abendländischen, als auch in der asiatischen Kultur, dass sich über mehrere Jahrtausende entwickelt hat. Sloterdijk schreibt in seinem Buch „Du musst dein Leben ändern“, dass der Mensch den Mensch erzeugt – und zwar durch ein Leben in Übungen.

Und was tun wir in NLP-Kursen anderes, als Anderen dabei zu helfen, sich in immer neuen Anläufen selbst zu entdecken und sich neu zu entwerfen – und zwar durch Übungen?

In diesen Übungen wird das Implizite (Glaubenssätze, Submodalitäten, Strategien usw.) explizit gemacht. Und: „Je höher der Explikationsgrad, desto tiefer die mögliche, ja unumgängliche Befremdlichkeit des neu erworbenen Wissens.“   Dies gilt sowohl für die Erkenntnisse bezüglich unseres subjektiven Erlebens, als auch für jene, über die uns umgebende materielle Natur – man denke nur an die verstörenden Einsichten der Quantenmechanik.

Dabei ist die anthropologische Bedeutung dieser Beschäftigung als einer neuen Form der Anthropotechnik (Sloterdijk) selten im Blick. Es ist das Ziel dieses Textes, diese Dimension angemessen in den Blick zu nehmen.

Immunologie

Alle Organismen müssen sich irgendwie vor den für ihre Art spezifischen Umweltrisiken schützen. Ihr Immunsystem stellt ein angeborenes „Wissen“ und ein autotherapeutisches System für zu erwartende Verletzungen bereit. Im Gegensatz zu allen anderen Organismen haben wir Menschen aber über unser biologisches Immunsystem hinaus noch ein zweites: die Sprache. Sie ermöglicht uns, noch eine zweite Welt – die Welt der Bedeutungen, der Symbolsysteme – zu errichten.

Jene Symbolsysteme schufen gleich am Anfang der Kulturentwicklung eine Überwelt – die Welt der Ahnen, Geister und Götter. Der übende/ausprobierende Kontakt mit dieser Welt fungierte als ein psychologisches Immunsystem gegen die Angst vor dem Tod, vor der übermächtigen Gewalt der Natur und der Verzweiflung an den Lebensbedingungen.

Die Vorstellung, durch Opfer, Rituale, Beten und ähnliche Aktivitäten sich mit Mächten gut zu stellen, die nur als symbolische Realitäten erfahrbar sind, ermöglichte es den Menschen, ein zweites Immunsystem gegen die Bedrohungen aufzubauen, die der Preis des Selbstbewusstseins sind. Neben diesen psycho-immunologischen Praktiken haben sich auch noch sozio-immunologische Praktiken wie z. B. die juristischen oder militärischen entwickelt, mit denen Menschen in ‚Gesellschaft‘ ihre Konfrontationen mit fremden Aggressoren und benachbarten Beleidigern oder Schädigern abwickeln.

Der Mensch in der Vertikalspannung

Die abendländische Kultur beginnt u. a. mit der sokratischen Definition des Menschen als einem Wesen, das potenziell „sich selbst überlegen“ ist. Je nach Kultur bzw. Subkultur werden andere Leitdifferenzen für dieses „sich selbst überlegen sein“ maßstäblich.

In den asketischen Subkulturen geht es um die Differenz Vollkommen versus Unvollkommen, in den religiösen um Heilig versus Profan, bei den Adligen um Vornehm versus Gemein, bei den militärischen Subkulturen um Tapfer versus Feige.

In der Politik geht es um Mächtig versus Ohnmächtig, bei den Athleten um Spitzenleistung versus Mittelmaß; in den akademischen Subkulturen geht es um Bildung versus Unwissenheit und in den therapeutischen um neurotisch versus durchtherapiert oder – in abgemilderter Form – um bewusst versus unbewusst.

Das bedeutet: Die typischen Teilnehmer von NLP-Kursen oder ähnlichen Veranstaltungen leben in dem Bewusstsein, dass sie aus ihrem Leben mehr machen könnten, als sie es bis jetzt tun. Sie leben in einer speziellen Form von Vertikalspannung, die sich als Bedürfnis nach persönlicher Entwicklung bemerkbar macht.

Der asketische Mensch

Im klassischen Griechischen bedeutet áskesis schlicht „Übung“ bzw. „Training“. Der asketische oder übende Mensch ist also der, der versucht, durch selbstbezügliches üben zur Verbesserung seiner Selbst beizutragen. Das Grundgesetz aller anthropotechnischen Bemühungen besteht in der Einsicht, dass alle Handlungen und Bewegungen auf den Handelnden zurückwirken und ihn dadurch verändern. So wird jedes Üben zu einer Form des Sich-Formens. Dieses „sich selbst formen“

ist immer auch als ein „sich in Form bringen“ zu verstehen. Kurz: Selbstformung durch Übung. Dazu wurden im Laufe der Jahrtausende die verschiedensten spirituellen, mentalen und körperliche Techniken einschließlich verschiedenster Diätologien entwickelt. Sloterdijk spricht in diesem Zusammenhang von „Anthropotechnik“.

Im christlichen, aber auch im hinduistischen und buddhistischen kulturellen Umfeld hat sich eine Art pathogogische Askese entwickelt, die „die kunstgerechte Selbstvergewaltigung einer Elite von Leidenden“ zum Ideal des sich entwickelnden Menschen erklärte. Ein Echo dieser Epoche finden wir heute noch in verschiedenen Kreisen der Neo-Mystik.

Waren es am Anfang der hochkulturellen Epoche der Menschheit immer nur wenige, die sich den verschiedenen Formen der Askese unterzogen haben, so beobachten wir seit den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Art Massenbewegung in Richtung verschiedenster Formen der Selbstoptimierung. Es handelt sich dabei sowohl um die traditionellen spirituellen Sucher als auch um jene, die sich mit unterschiedlichsten Formen therapeutischer Techniken zu optimieren suchen, wie auch um die Millionen Menschen, die etwas für ihre körperliche Fitness tun und z. B. noch im hohen Alter an Marathon-Rennen teilnehmen.

Allen diesen Aktivisten der Selbstoptimierung ist ganz unabhängig von den traditionellen Formen der Selbstvergewaltigung die triviale Weisheit aller Künstler, Sportler, Handwerker, Therapeuten usw. bewusst, dass ohne jahrelanges Training, ohne stundenlanges Üben Spitzenleistungen nicht zu erreichen sind. Und auch in den Kreisen der Kurzzeit-Therapeuten hat sich herumgesprochen, dass zwar die einzelne Intervention kurz sein kann, aber der Prozess der persönlichen Entwicklung eine „never ending story“ darstellt. Und dieses Üben ist ohne einen Lehrer oder Trainer nicht erfolgreich zu bewerkstelligen.

Wir können in diesem Zusammenhang auch von einer Entspiritualisierung der Askesen sprechen. Die modernen übenden Menschen glauben – von einigen Subkulturen abgesehen – nicht mehr, dass die selbstvergewaltigenden Formen der Askese notwendig sind, um sich einen Fensterplatz im Himmel zu ergattern bzw. durch Abtötung des Körperlichen endlich den ersehnten Ausweg aus dem Rad der ewigen Wiedergeburt zu finden: Sie üben, weil sie spüren, dass sie aus sich selbst und ihrem Leben mehr machen könnten – sie sind eher an einer Ästhetik der Existenz interessiert. Die neue Leitdifferenz, die sich immer deutlicher herauskristallisiert, ist jene zwischen denen, die etwas aus sich machen wollen, und denen, die nichts oder wenig aus sich machen wollen. Sie sind die, die „der Versuchung durch Vollendung ebenso widerstehen wie der Versuchung durch Trägheit.“

Diese Differenz wird den Teilnehmern einer NLP-Ausbildung mit jedem Wochenende immer deutlicher; sie berichten, dass die Begegnungen mit ihren alten Freunden und Bekannten immer weniger befriedigend ausfallen, da sie die alten stereotypen Kommunikationsformen und das wenig lösungsorientierte Lamentieren über die immer gleichen Probleme nicht mehr ertragen können. Dies ist nach meiner Beobachtung nicht das Resultat sektenhafter Abkapslung, sondern einfach eines einer wachsenden Differenz an Bewusstheit, die auf die Dauer nicht durch freundschaftliche Gefühle überbrückbar ist.

Der Trainer / die Trainerin

Der Impuls, mehr aus seinem eigenen Leben und sich selbst zu machen, ist am Anfang sicherlich noch vage. Es ist nicht klar, wie genau man das Projekt angehen könnte. Dies führt dazu, dass viele Menschen aus dieser Gruppe alles Mögliche ausprobieren. Sie wechseln relativ zügig von einem Guru zum anderen, versuchen verschiedenste Ernährungsweisen, beschäftigen sich mit Astrologie, Energieheilung, positivem Denken, NLP, körpertherapeutischen Ansätzen, Yoga und vielen anderen Methoden, um sich selbst besser zu verstehen und autooperativ in das eigene Selbstsein einzugreifen.

Klar ist bei allen diesen Bemühungen, dass man jemanden braucht, der einem dabei mit seiner Expertise helfen kann. „Mein Trainer ist derjenige, der will, dass ich will – er verkörpert die Stimme, die mir sagen darf: „Du musst dein Leben ändern.“

Dieser Trainer ist aber auch der, der implizit oder explizit verspricht, dass die bevorstehenden Übungen und Einsichten den Trainee seinem Ziel näher bringen werden (und damit die Hoffnung des Trainees bestätigt).

Damit wiederholt sich eine alte Figur aus der Meister-Schüler-Beziehung auf niedriger Oktave. Das Versprechen ist nur in dem Maße glaubhaft, in dem der Trainer als lebendes Beispiel dieses Versprechens wahrgenommen werden kann.

Im NLP sprechen wir in diesem Sinn von „walk your talk“.

Schaut man sich das Leben – namentlich das private – vieler Trainer und Gurus aus der Nähe an, dann beschleicht den Beobachter doch der Verdacht, dass die jeweilige Methode vielleicht doch nicht ganz so mächtig und erfolgversprechend ist, wie sie oft dargestellt wird. Damit wird die Kongruenz des Trainers von einer unhintergehbaren Ambivalenz infiziert.

Ja, vieles ist möglich – aber das Leben stellt jeden von uns immer wieder neu vor Probleme, die uns an die Grenzen unserer Möglichkeiten bringen. Die Herausforderungen hören nicht auf, und die Hoffnung auf ein Leben in einer Art Dauer-Core-State muss als kindliche Illusion aufgegeben werden.

Der Trainer kann – oder zumindest sollte er – sich nicht in die Traditionslinie der angeblich Vollendeten stellen, die die Teilnehmer bestaunen und bewundern können in der Hoffnung, dass ihn zu modellieren, ihm nachzueifern vielleicht auch sie irgendwann der Vollendung näherbringt.

Keiner der heutigen Trainer kann oder wollte sich in die Traditionslinie eines Jesus stellen, der von sich sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Es war schon immer das Leistungsversprechen von Scharlatanen, dass sie im Besitz des einen Mittels oder der einen Methode sind, dass/die für alle Probleme, die Menschen überhaupt haben können, eine einfache Lösung ermöglicht. Wyatt Woodsmall spricht in diesem Zusammenhang gern vom Maglomania-Pattern. Niemandem soll hier das Recht auf freie Illusionsausübung versagt werden; es soll nur die Frage aufgeworfen werden, wie man sich als NLP-Trainer im Markt und wie man sich zu den Aposteln von Heilsversprechungen positioniert.

Der Trainer und seine Trainees

Seit zweieinhalb Jahrtausenden machen Lehrer die Erfahrung, dass es selbst bei hoher Begeisterung der Schüler für das Projekt der Überwindung des „alten Adams“ alles andere als leicht ist, die bereits verkörperten Eigenschaften (Affekte und Gewohnheiten) und die dazugehörigen bewussten und unbewussten Überzeugungen tatsächlich nachhaltig zu verändern. 

Wir können auch sagen, dass die so Übenden sich freiwillig in eine Art dritte Sozialisationsphase begeben, in der es darum geht, sich aus den familiären und kulturellen Konditionierungen zu befreien. Dadurch wird die Figur des „inneren Beobachters“ aktiviert, der verhindert, dass das übende Subjekt sich in der Bewusstlosigkeit seiner täglichen Routinen verliert. Jede Begegnung, jeder innere Dialog, jeder erlebte Affekt kann und soll am Maßstab neuer Einsichten (Meta-Modell der Sprache, Position I, II, III, Submodalitäten usw.) auf seine potenziellen Limitierungen und sein Optimierungspotential hin wahrgenommen werden.

Der so aktivierte und sich selbst aktivierende Mensch wird zum eigenständig Denkenden, Fühlenden und Vorstellenden im Gegensatz zum Menschen, der nur denkt, was andere auch denken, der von seinen Gefühlen überwältigt wird und sich den unkontrollierten Assoziationen ausgeliefert fühlt. Im NLP stellen wir hier die Frage: „Who drives the bus?“

Die Entdeckung des unauslotbaren Kontinents des subjektiven Erlebens und die Spaltung in die äußere Welt der Tatsachen und die innere Welt der subjektiven Bedeutungen und ihrer erlebnismäßigen Folgen setzt einen „ungeheuren Überschuss an Selbstbezüglichkeit“ frei. „Ist die äußere Welt erst einmal von mir abgetrennt und ferngerückt, bleibe ich alleine übrig und entdecke mich selbst als unendliche Aufgabe.“

Diese Aufgabe bedeutet als Erstes, dass sich das übende Subjekt verdoppelt. Zu all seinen inneren Vollzügen tritt jetzt ein innerer Beobachter, der je nach Schule andere Kriterien anwendet, um das subjektive Erleben zu beobachten und zu bewerten. Dieser innere Beobachter wird dann durch einen zweiten Beobachter – den Trainer – ergänzt. Beide Beobachter ergeben mit den automatisierten Abläufen des subjektiven Erlebens zusammen die Triade des übenden Menschen. In den meditativen Traditionen ist der innere Zeuge eher gehalten, eine kontemplative Position bezüglich der aufsteigenden Eindrücke einzunehmen und jede Identifikation damit zu vermeiden. Im NLP und ähnlichen Techniken geht es eher darum, die Struktur und Prozessualität dieses Stroms des Bewusstseins nach eigenen Kriterien neu zu programmieren. 

In den sogenannten spirituellen Traditionen ist es ebenfalls üblich, zwischen dem Ego – einem kleinen und zu überwindenden Ich – und dem höheren Selbst oder einer Form des Groß-Ich zu unterscheiden. Dabei ist das erklärte Übungsziel, dass das Klein-Ich früher oder später durch die jeweiligen Übungen untergehen soll und wird. Diejenigen, die diese Stufe angeblich schon erreicht haben, sind dann die Erleuchteten bzw. Vollkommenen, denen es nachzueifern gilt. Dieses Nacheifern ist nur durch totale Hingabe an den jeweiligen Meister zu erreichen.

In den abgekühlten und abgeklärten Formen der autooperativen Arbeit am Selbst ist die Unterscheidung zwischen Zeugenbewusstsein und den automatisierten Abläufen des impliziten Bewusstseins-Modus erhalten geblieben, aber die Vorstellung, dass etwas „absterben“ muss oder soll, wird aufgegeben. Dementsprechend sind die Trainer hier weder Erleuchtete noch Vollendete, sie verfügen lediglich über ein spezielles Fachwissen und eine durch Übung erworbene Kompetenz, Prozesse des impliziten Funktionsmodus explizit zu machen und operativ einzugreifen. Die neu designten Prozesse laufen dann wieder im impliziten Funktionsmodus ab.

Diese Nüchternheit vermeidet übrigens eine spezielle Art der Bigotterie, wie sie in den Kulturen der Heiligen üblich ist. Der Heilige ist der, der nicht wissen darf, wie es um ihn steht, da dieses Wissen sofort als eine Form der Eitelkeit des kleinen Egos diffamiert werden würde. Anders der Mensch, der erfolgreich ein altes Programm, z. B. seine neurotische Eifersucht, verändert hat: Er darf

sich über den Erfolg seiner autoplastischen Operation freuen und muss sie nicht in falscher Demut unerwähnt lassen.

Anders als in den spirituellen Askesen ist allerdings das Ziel der Arbeit an sich selbst nicht so klar wie in den spirituellen Traditionen. Wenn es nicht mehr um Erleuchtung oder Vollendung geht, dann können letztlich nur konkrete Ziele wie beispielsweise die Entmachtung limitierender Glaubenssätze oder aber das vage Ziel „persönliche Entwicklung“ angegeben werden. Die spezifischen Inhalte dieses

Entwicklungsprozesses ergeben sich dann individuell aus dem Zusammenspiel von Lebensherausforderungen, den neu entstandenen Erlebnisweisen als Resultat des situativen Standes der Arbeit an sich selbst und den jeweils als erstrebenswert in Aussicht gestellten Idealen der Methode, mit der man sich gerade beschäftigt.

Der so an sich arbeitende Mensch lebt also in einer entspiritualisierten, teleologischen Zeitstruktur. Sein Leben ist nicht nur ein Sein-zum-Tod (Heidegger), sondern immer auch noch ein Sein-zum-X. Was das jeweilige X konkret ist, ändert an der latent teleologischen Struktur seines In-der-Welt-seins nichts. Nicht nur das Sein-zur-Vollendung, auch das Sein-zum-X wird zum machtvollsten „Biografiegenerator“.

Menschen dieses Typs sind immer auf irgendeinem Weg. Ob dieser ein explizites Ziel hat oder selbst das Ziel ist, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Die Begleiter (Trainer, Gurus usw.) auf dieser Wanderung durch das Leben sind natürlich selbst auch auf dem Weg, wenn sie nicht zu den angeblich schon „Angekommenen“ gehören. Diejenigen, die so auf dem Weg sind, sind die durch ihre eigene Vertikalspannung Bewegten.

Die so Bewegten wollen seit alters her nichts mehr wissen von uneinholbaren und unnachahmlichen Vorzügen eines Anderen, sie versammeln sich nur allzu gern unter der Parole der beliebigen Modellierbarkeit von selbst den unwahrscheinlichsten Spitzenleistungen. Anders sind die Versprechungen der Heiligen und der Asketen aller Zeiten nicht zu verstehen: nämlich, dass ihr System jeden, der sich redlich bemüht, zu den höchsten Gipfeln der menschlichen Unwahrscheinlichkeiten führen könne. So gesehen ist die „Vorannahme“ des frühen NLP, dass „jeder alles lernen kann“, nur eine Wiederholung frühester Überspanntheit und Paradoxien des übenden Menschen und seines Trainers.

Mit der Entzauberung der Vollkommenheits-Propaganda muss auch die Erreichbarkeits-Propaganda auf ein realistisches Maß  zurückgestuft werden, auch wenn das aus marketing-technischen Gründen für einige eine bittere Pille sein mag: Das Ressentiment gegen „Begabung“ war schon immer ein Wegbegleiter der Alles-Versprecher.

Das realistische Versprechen

Menschen haben immer mehr Potentiale und Begabungen, als sie tatsächlich ausschöpfen können. Die Dialektik von Selbstentdeckung und Selbstentwurf – und die damit verbundene übende Praxis – bietet für jeden, der sich auf diesen Weg macht, mehr als genug Überraschungen, Lernerfahrungen und Wachstums-Chancen.

Dieses Üben am Erreichbaren ermöglicht es Menschen, eine neue Horizont-Kompetenz zu entwickeln.

Ein Horizont ist die jeweilige Grenze dessen, was wir von der Welt sehen können – relativ zu dem Standpunkt, von dem aus wir schauen. Mit Horizont-Kompetenz meine ich die kognitiv-emotionale Haltung, relativ zu den Grenzen des eigenen Modells der Welt. Das tiefe Vertrauen darin, dass es hinter dem Horizont weitergeht und dort weder der Abgrund noch das Grauen lauert, ermöglicht es

Menschen, vor dieser Grenze keine Angst zu haben, sondern ihr mit freudiger Erwartung entgegenzustreben – dies in dem Wissen, dass es keinen endgültigen, letzten Horizont geben kann, den es final – im Sinn einer absoluten „Erleuchtung“ –  zu überschreiten gälte.

Dieses „wegen des Wegs“ in die eigene Zukunft erzeugt erst den Weg – und zwar sowohl für die Menschheit als Ganzes wie auch für jeden Einzelnen. Und so, wie die verschiedenen Kulturen auf diesem Planeten unterschiedliche Wege gegangen sind, geht auch jedes Individuum seinen Weg.

Um bei dieser Wanderung Spaß haben zu können und motiviert zu sein, braucht man weder die Illusion der Vollkommenheit als ewiges Manko noch die Hybris, man könne den Weg Mozarts, da Vincis oder anderer Genies nachgehen, nur weil man ja ebenfalls ein Mensch sei.

Es gibt mehr als genug zu tun und zu erleben, zu wachsen und zu entdecken mit den Möglichkeiten, Potentialen und Begabungen, die einem jeden von uns mitgegeben sind. Viel Spaß dabei!

Das Selbst

Das Selbst

Ein wichtiges Motiv der Teilnehmer von NLP-Kursen ist die Selbsterkenntnis. Dies ist eine der Forderungen des antiken Denkens, die Griechen nannten das Gnothi seauton.

Uns Heutigen ist neben der Philosophie, Soziologie und Psychologie auch noch die Gehirnforschung gegeben, die uns über die neurophysiologischen Grundlagen der verschiedenen Erscheinungsweisen des Selbst-Bewusstseins aufklärt.

Von ihr erfahren wir, ähnlich wie von verschiedenen philosophischen Schulen, dass es keinen Sinn macht von dem Selbst wie von einem Ding zu sprechen. Dies ist der Kern der Selbstillusion. Selbstheit ist eher als ein selbstreflexiver Prozess in komplex organisierten Organismen zu verstehen. Wir wissen, dass unsere unmittelbare Selbstvertrautheit durch vorbewusste Gehirnprozesse erzeugt wird. Und diese lassen sich relativ leicht täuschen.

Trotz der rasanten Fortschritte in der Gehirnforschung sind wir noch weit davon entfernt zu verstehen wie und ob überhaupt unser Gehirn der Ort ist an dem wir die Quelle von Bewusstsein finden werden. Es stehen sich, grob gesagt, zwei Fraktionen gegenüber. Die eine behauptet: Du bist dein Gehirn! Und die andere verteidigt die Position: Bewusstsein ist die grundlegendste Realität und die Welt ist in diesem Sinne eine Illusion. Und beide Positionen haben starke Argumente.

Die zweite große Forderung, die wir mit den antiken Griechen teilen lautet: Sorge dich um dich selbst! (epiméleia heautoú)

Und auch dies ist eines der Hauptmotive, warum Menschen NLP-Kurse oder ähnliche Veranstaltungen besuchen.

Die Selbstsorge zusammen mit der Selbsterkenntnis, also der Prozess der Selbstentdeckung ist der Chiasmus von Selbstentwurf und Selbstentdeckung.

D.h. wir können unser Selbst nicht wie einen bisher unbekannten Kontinent entdecken, der da ist, unabhängig ob wir ihn entdecken oder nicht. Selbstentdeckung geschieht immer nur dadurch, dass wir uns immer schon irgendwie entwerfen. Wir haben Ziele (die natürlich nicht unbedingt unsere eigenen sein müssen), die wir zu erreichen suchen und uns dabei erfolgreich oder scheiternd erleben.

Dabei entdecken wir limitierende Glaubenssätze, Skriptanforderungen, Konditionierungen, die das Resultat von Traumatisierungen, Konditionierungen und Erwartungen anderer an uns sind.

Diese Entdeckungen führen bei den meisten Menschen dazu, dass sie auf dem Hintergrund des Wertes Selbstbestimmung die Frage nach der Selbstrealisation als drängend erleben.

Dabei kann Selbstrealisation nicht bedeuten so etwas wie das eigentliche Selbst zu entdecken (Selbstillusion). Vielmehr geht es um die Frage wie kann ich mich von den limitierenden Glaubenssätzen und Konditionierungen befreien, um einen möglichst unverstellten Zugang zu meinen eigenen Ressourcen und Bedürfnissen zu bekommen.

Und mit Selbstbestimmung kann keine vollkommene Autonomie, frei von allen äußeren Bedingungen und genetischen Bedingtheiten gemeint sein, sondern die Fähigkeit die Anforderungen vor dem Hintergrund unserer eigenen Bedürfnisse und Ziele zu bewerten.

Dieser Prozess von Selbstentwurf und Selbstentdeckung wird oft als Selbsttransformation erlebt. D.h. wir transformieren uns selbst in unserer inneren bewussten und unbewussten Prozessualität, so dass wir im Selbsterleben und Handeln mehr Selbstliebe und Selbstwert erleben können. 

Wir entwickeln ein Selbstverständnis, das es uns erlaubt uns einerseits als in einem ständigen Entwicklungsprozess zu erleben, ohne uns deshalb als unfertig, unvollkommen usw. zu erleben. D.h. wir sind nicht erst dann O.K., wenn wir ein bestimmtes Entwicklungsziel erreicht haben.

Dieses Selbstverständnis ermöglicht Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.

Ich möchte darauf hingewiesen, dass das Bedürfnis und die Anforderung nach Selbstaktualisierung leicht zu einem erschöpften Selbst führen können, einer andauernden Selbstüberforderung.

Dies hängt unter anderem mit einer Selbstüberschätzung zusammen. If you can dream it, you can do it. Gerade im Umkreis von NLP und anderen Selbstentwicklungspraktiken besteht immer die Gefahr Illusionen über das Machbare im Prozess der Selbsttransformation zu verbreiten. D.h. die Verleugnung sowohl der begrenzten psychischen Ressourcen, der genetischen Bedingtheiten als auch der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bürdet dem Einzelnen eine Verantwortung für den Verlauf und Erfolg seiner Bemühungen auf, die ihn letztlich nur als Versager zurück lassen wird.

Und nach soviel Beschäftigung mit dem Selbst soll letztlich nicht vergessen werden, dass wir uns am Besten in Momenten der Selbstvergessenheit fühlen. Im Flow bei der Arbeit, in schöpferischen Momenten, in der Liebe oder der Meditation. Zuviel Beschäftigung mit uns Selbst tut uns selbst nicht gut.

Die Selbst-Illusion

Sowohl in der Philosophie, als auch in verschiedenen, namentlich asiatischen, spirituellen Traditionen (Advaita Vedanta), geht man davon aus, dass es sich bei der Nominalisierung „das Selbst“ um eine Illusion handelt. 

Wie wir wissen führen Nominalisierungen dazu, dass wir einen Prozess wie ein Ding behandeln. Und in der Tat spricht Descartes davon, dass die Welt aus zwei Substanzen besteht, res extensa (Materie) und res cogitans, die denkende Sache, der Geist. Diese Art von Dualismus wird zwar von der ganz überwiegenden Mehrheit aller religiösen Menschen geteilt, gilt aber in den Neurowissenschaften als eine unhaltbare Vorannahme.

Als NLP’ler wäre die Frage wie können wir das Selbst als Prozess verstehen? Hier sollen erst einmal die wesentlichen Einsichten und Überlegungen vorgestellt werden, die dazu führen „das Selbst“ in seinem illusionären Charakter darzustellen.

Das Hauptargument dieser beiden Traditionen besteht im Wesentlichen darin, dass wir bei der Introspektion zwar Gedanken, Bilder, Gefühle usw. haben, dass uns aber nirgendwo so etwas wie das Selbst begegnet.

D.h. es gibt zwar so etwas wie Wahrnehmung, aber keinen der wahrnimmt. Es wird auch nicht geleugnet, dass es so etwas wie Meinigkeit gibt, also unsere Fähigkeit zwischen Innen und Außen zu unterscheiden, aber die Vorstellung, dass es darüber hinaus auch noch ein Selbst gibt, dass diese Meinigkeit produziert wird als eine Illusion bezeichnet. Dabei wird behauptet, dass diese Illusion ein Erleben erzeugt, nämlich des Selbst, dass es aber, wie bei jeder Illusion, dass was da erlebt wird so gar nicht gibt. Ein gutes Beispiel sind die verschiedenen optischen Illusionen. Sie sind das Ergebnis der Interpretation der Sinnesdaten durch unser Gehirn. Und mehr noch sie verschwinden nicht dadurch, dass wir wissen, dass es sich um eine optische Täuschung handelt.

Diese Illusion wird unter anderem dadurch erzeugt, dass wir das Gefühl haben unseren Körper wie ein Fahrzeug zu bewohnen. So wie wir unser Auto durch die Gegend fahren. Wir haben ein Gefühl der Identität durch die Zeit egal wie sehr sich unser Körper verändert.

Wenn man Menschen fragt wo sich ihr Ich oder ihr selbst befindet, dann antworten die meisten, dass es sich hinter den Augen im Kopf befindet. Und dies erleben wir auch, wenn wir meditieren. Gleichzeitig ist klar, dass es keinen Sinn macht dort eine Art Homunkulus anzunehmen, einen kleinen Mann im Gehirn, oder den berühmten Geist in der Maschine. Denn gebe es ihn, könnten wir die Frage, wo sich sein Selbst befindet wiederholen und würden so in einen unendlichen Regress landen.

Schon bei Aristoteles (384-322) finden wir erste Überlegungen zu diesem Thema in seinem Buch Von der Seele (De Anmia):

„Da wir wahrnehmen, dass wir sehen und hören, müssen wir entweder mit dem Gesichtssinn wahrnehmen, dass er sieht, oder mit einem anderen. Aber (dann) wird derselbe Sinn sich auf das Sehen und auf die gegenständliche Farbe richten oder der eine auf sich selbst. Ferner, wenn auch die Wahrnehmung vom Sehen eine andere wäre, so würde dies entweder ins Unendliche gehen, oder eine würde sich auf sich selbst richten. Daher kann man dies (sogleich) bei der ersten (Wahrnehmung) ansetzen. Es gibt hier aber eine Aporie: Wenn nämlich Sehen das Wahrnehmen mit dem Gesichtssinn ist, gesehen aber wird die Farbe oder das, was sie hat, so würde, wenn man das Sehende sähe, das erste Sehende Farbe haben.“ Buch III, Kap. II, 45 2b:2

Kant spricht in diesem Zusammenhang von dem inneren Sinn:

„Der innere Sinn, vermittelst dessen das Gemüt sich selbst oder seinen inneren Zustand anschaut, gibt zwar keine Anschauung von der Seele selbst, als einem Objekt; allein es ist doch eine bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres inneren Zustandes allein möglich ist, so dass alles , was zu den inneren Bestimmungen gehört, in den Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird.“ (KrV tr. Ästhetik § 2 (178-Rc 95)

Spezielle Probleme der inneren Wahrnehmung:

  • • „Innere Wahrnehmung“ ist nur eine Metapher.
  • • Was ist das Organ der Wahrnehmung? Es gibt im Moment keinerlei Hinweis, dass es so etwas wie ein Organ der inneren Wahrnehmung gibt.
  • • Gibt es eine spezifische Modalität des Bewusstseins? (Datenformat)
  • • Wahrnehmung erfasst prinzipiell nur konkrete Objekteigenschaften.
  • • Es ist aber der intentionale Gehalt des Zustands erster Stufe, der bewusst gemacht werden soll.

Gleichzeitig ist unser Gehirn in der Lage die Vielzahl unserer simultanen Erfahrungen zu einem in sich geschlossenen Erfahrungsraum zu synthetisieren und uns dabei den Eindruck zu vermitteln, dass es so etwas wie das Zentrum dieser Erfahrungen gibt. 

Auch die heutige Gehirnforschung bzw. die Gehirnforscher die sich  den neurologischen Grundlagen des Selbst-Gefühls beschäftigen sind sich einig, dass es keinen Sinn macht von dem Selbst zu sprechen.

Um genauer zu verstehen, wie die Erlebnisse zu interpretieren sind, ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass unser Gehirn in jeder Hemisphäre eine eigene Form des Selbstempfindens erzeugt. Diese Einsicht verdanken wir den Versuchen mit Split-Brain Patienten, bei denen die beiden Gehirnhälften operativ getrennt wurden, dadurch, dass das Corpus callosum durchtrennt wurde. Das Selbst in der linken Gehirnhälfte, in der auch unsere Sprachzentren lokalisiert sind, ist unser linguistisches Selbst. Dies ist das Selbst, das wir in unseren alltäglichen Verrichtungen erleben und aus dem heraus wir unsere sozialen Kommunikationen heraus organisieren.

Die beiden linguistischen Zentren sind das Broca-Areal und das Wernicke-Areal. Das erste dient der Spracherzeugung und das zweite dem Sprachverstehen.

Das Selbst der rechten Hemisphäre kann als unser emotionales Selbst verstanden werden. Zwischen beiden gibt es viele neuronalen Verbindungen. Wenn uns z. B. jemand lobt, dann verstehen wir nicht nur die Worte, wir fühlen uns auch besser und umgekehrt.

Michael Gazzaniga hat sich über Jahrzehnte mit der experimentellen Untersuchung von Split Brain Patienten beschäftigt und hat auf der Basis dieser Arbeit die Idee des ‚Interpreter’ entwickelt. Das ist der Teil von uns, der eine einheitliche Interpretation unserer Welt und Selbsterfahrung hervorbringt.

Er kam zu dieser Idee, dadurch, dass er die Split Brain Patienten fragte, wie sie sich erklärten, dass sie offensichtlich etwas wussten, (ihre isolierte rechte Hemisphäre hatte etwas erkannt, konnte es aber nicht an die linke, bewusste Gehirnhälfte weiterleiten), was ihnen nicht bewusst war. Alle Befragten erzeugten sofort eine scheinbar rationale Erklärung.

So wurde z.B. einem Patienten das Wort ‚ROT’ über das rechte Sehfeld in die linke Hemisphäre eingespielt. Er wusste also, dass er das Wort rot gelesen hatte. In das linke Sehfeld, also in die rechte Hemisphäre wurde das Bild einer Banane eingespielt. Er wurde dann aufgefordert: „Malen Sie was Sie sehen.“ Er mahlte eine Banane mit einem roten Filzstift. Dies ist erst einmal überraschend, da Bananen gelb sind. Auf die Frage, warum er eine rote Banane gemahlt hat, antwortet er: „Ich weiß nicht … , mit der linken Hand ist eine Banane am einfachsten zu malen.“

Ein weiteres Experiment ist in unserem Zusammenhang von Interesse. Man zeigte den Patienten 40 Bilder, die hintereinander eine kleine Geschichte erzählen; z.B. die Aktivitäten eines Mannes kurz nach dem Aufstehen. Dann zeigte man ihnen eine neue Reihe von Bildern in denen sowohl die alten Bilder vorkamen, als auch solche, die nicht gezeigt wurden, aber zu der Story passten und solche, die keinen Zusammenhang mit der Geschichte hatten. Die linke Hemisphäre hat natürlich die Story erkannt und erkannte alle Bilder als falsch, die nichts mit der Story zu tun hatten, tendierte aber dazu Bilder, die, diesie nicht gesehen hatten, die aber zu der Story passten als ‚gesehen’ zu interpretieren.

Ganz anders die rechte Hemisphäre. Sie interpretiert nicht, sie entwirft keine Story und ist daher viel besser in der Lage die falschen, aber ‚passenden’ Bilder als nicht gesehen zu erkennen.

Bei einem anderen Experiment wurde den Patienten ein beängstigender Film in die rechte Hemisphäre eingespielt; die linke sah nur eine weiße Fläche. Auf die Frage, was sie gesehen haben, antworteten sie: „Eine weiße Fläche.“ Allerdings fühlten sie sich irgendwie ängstlich. Und sie versuchten dieses Gefühl mit dem Raum, dem Versuchsleiter usw. zu erklären.

D.H. der Interpreter in der linken Hemisphäre versuchte sofort eine einigermaßen plausible Erklärung für die Situation zu erzeugen.

Gazzaniga zieht aus seinen Experimenten folgende Schlussfolgerungen:

  • • Der Interpreter ist nur so gut wie die Daten, die er bekommt.
  • • Unsere Realität ist virtuell.
  • • Läsionen verschiedener Gehirnareale verhindern, dass der Interpreter die geeigneten Informationen erhält und so z.B. nicht in der Lage ist seine eigene Hand zu erkennen.
  • • Die erlebte Einheit unserer Erfahrung ist das Produkt einer speziellen Region in der linken Hemisphäre, dem Interpreter.
  • • Der Interpreter ist eine Spezialisierung in der linken Hemisphäre, die mit unserer Sprachfähigkeit zu tun hat, und nur wir Menschen haben diese Fähigkeit. Es ist der Trigger für unsere Überzeugungen – beliefs.
  • • Wir bilden unser Weltmodell, nachdem unbewusste Prozesse in unserem Gehirn die Daten aufbereitet haben.
  • • Der Interpreter erzeugt die Bedeutung relativ zu den Daten, die er bekommt und relativ zu dem Situationsverständnis, welches er schon hat.

Weitere interessante Forschungsergebnisse 

Wir wissen heute, dass unsere Fähigkeit uns selbst im Spiegel zu erkennen erst zwischen dem 18 und 24 Monat auftaucht. Und wir wissen, dass die meisten Tiere dazu überhaupt nicht in der Lage sind. D.h. sich seiner selbst bewusst sein, setzt einen bestimmten Entwicklungsgrad unseres Gehirns voraus.

Gordon G. Gallup, Jr., ein Psychologe an der University at Albany, entwickelte den Spiegel-Test zuerst für Tiere. Er wollte wissen ob und wenn ja, welche Tiere sich im Spiegel selbst erkennen können. Wir wissen heute, dass außer uns Menschen auch Schimpansen und Orang Utans bestimmte Delphine und die Elster den Test bestehen.

Er stellt fest, dass es diese Form des Selbstbewusstseins ist, die es uns ermöglicht ein Bewusstsein von unserem eigenen Tod in der Zukunft zu haben. Und vielleicht ist es gerade diese beunruhigende Gewissheit, die uns dazu veranlasst hat, quasi als Kompensation, die Idee eines unsterblichen Selbst zu entwickeln.

Wir haben weiter oben erwähnt, dass wir normalerweise unser Ich hinter unseren Augen lokalisieren. Wenn man aber eine Brille auf hat, die in jedes Auge ein Bild zeigt, dass von zwei Kameras hinter uns aufgenommen werden, dann haben wir den Eindruck, dass unser Ich hinter uns ist. Wir haben sozusagen ein virtuelles Out of Body Erlebnis. Wenn wir die Brille wieder abnehmen haben wir das Gefühl als ob – unser Selbst – in den Körper vor uns hineingezogen worden ist.

Diese Experimente kann man aber noch einen Schritt weiter treiben. Jetzt sind die beiden Kameras auf dem Kopf des Versuchsleiters. D.h. die Versuchsperson sieht sich selbst aus der Perspektive des Anderen. Wenn dieser uns jetzt die Hand reicht und wir sie schütteln, wie bei einer normalen Begrüßung, dann erscheint sein Arm als der eigene. Wenn jetzt jemand mit einem Messer über die Hand des Versuchsleiters streicht, dann bekommt man sofort Angst geschnitten zu werden.

D.h. unser Interpreter versucht aus den Daten Sinn zu machen. Und wenn wir uns von hinten sehen, dann macht es Sinn davon auszugehen, dass wir dort sind und wenn wir uns aus der Perspektive eines anderen sehen, dann macht es Sinn davon auszugehen, dass unser Selbst in einem anderen Körper ist.

Wir wissen heute, dass unser Unbewusstes oder besser Teile unseres Gehirns, dessen Aktivität uns nicht bewusst ist, bis zu sechs Sekunden bevor uns bewusst wird welche Entscheidung wir treffen wollen, bereits entschieden hat, wie wir uns entscheiden werden.

Das dazugehörige Experiment ist sehr einfach. Ein Proband wird in einen Scanner gelegt und er hat die freie Wahl, wann er den linken oder den rechten Knopf drücken möchte. Die Wissenschaftler, die währenddessen das Gehirn beobachten können an einer bestimmten Gehirnregion bereits sechs Sekunden vorher sehen, wie wir uns entscheiden werden.

In diesem Sinne ist das bewusste Ich-Erlebnis – ich entscheide wann ich welchen Knopf drücke – ein Epiphänomen darunter liegender Gehirnaktivität.

Zusammenfassend können wir sagen, dass uns die Gehirnforschung dazu drängt die Vorstellung von einem Selbst, dass wie eine eigene Substanz unser eigentliches Wesen ausmacht und den Tod überdauert nur noch schwer aufrecht zu erhalten ist.

D.h. das Selbst wird heute als Prozess verstanden, als ein Selbstmodell, das sich das Gehirn in seinem Entwicklungsprozess, d.h. sowohl evolutionär, als auch individuell, schafft.