Das Selbst

Das Selbst

Ein wichtiges Motiv der Teilnehmer von NLP-Kursen ist die Selbsterkenntnis. Dies ist eine der Forderungen des antiken Denkens, die Griechen nannten das Gnothi seauton.

Uns Heutigen ist neben der Philosophie, Soziologie und Psychologie auch noch die Gehirnforschung gegeben, die uns über die neurophysiologischen Grundlagen der verschiedenen Erscheinungsweisen des Selbst-Bewusstseins aufklärt.

Von ihr erfahren wir, ähnlich wie von verschiedenen philosophischen Schulen, dass es keinen Sinn macht von dem Selbst wie von einem Ding zu sprechen. Dies ist der Kern der Selbstillusion. Selbstheit ist eher als ein selbstreflexiver Prozess in komplex organisierten Organismen zu verstehen. Wir wissen, dass unsere unmittelbare Selbstvertrautheit durch vorbewusste Gehirnprozesse erzeugt wird. Und diese lassen sich relativ leicht täuschen.

Trotz der rasanten Fortschritte in der Gehirnforschung sind wir noch weit davon entfernt zu verstehen wie und ob überhaupt unser Gehirn der Ort ist an dem wir die Quelle von Bewusstsein finden werden. Es stehen sich, grob gesagt, zwei Fraktionen gegenüber. Die eine behauptet: Du bist dein Gehirn! Und die andere verteidigt die Position: Bewusstsein ist die grundlegendste Realität und die Welt ist in diesem Sinne eine Illusion. Und beide Positionen haben starke Argumente.

Die zweite große Forderung, die wir mit den antiken Griechen teilen lautet: Sorge dich um dich selbst! (epiméleia heautoú)

Und auch dies ist eines der Hauptmotive, warum Menschen NLP-Kurse oder ähnliche Veranstaltungen besuchen.

Die Selbstsorge zusammen mit der Selbsterkenntnis, also der Prozess der Selbstentdeckung ist der Chiasmus von Selbstentwurf und Selbstentdeckung.

D.h. wir können unser Selbst nicht wie einen bisher unbekannten Kontinent entdecken, der da ist, unabhängig ob wir ihn entdecken oder nicht. Selbstentdeckung geschieht immer nur dadurch, dass wir uns immer schon irgendwie entwerfen. Wir haben Ziele (die natürlich nicht unbedingt unsere eigenen sein müssen), die wir zu erreichen suchen und uns dabei erfolgreich oder scheiternd erleben.

Dabei entdecken wir limitierende Glaubenssätze, Skriptanforderungen, Konditionierungen, die das Resultat von Traumatisierungen, Konditionierungen und Erwartungen anderer an uns sind.

Diese Entdeckungen führen bei den meisten Menschen dazu, dass sie auf dem Hintergrund des Wertes Selbstbestimmung die Frage nach der Selbstrealisation als drängend erleben.

Dabei kann Selbstrealisation nicht bedeuten so etwas wie das eigentliche Selbst zu entdecken (Selbstillusion). Vielmehr geht es um die Frage wie kann ich mich von den limitierenden Glaubenssätzen und Konditionierungen befreien, um einen möglichst unverstellten Zugang zu meinen eigenen Ressourcen und Bedürfnissen zu bekommen.

Und mit Selbstbestimmung kann keine vollkommene Autonomie, frei von allen äußeren Bedingungen und genetischen Bedingtheiten gemeint sein, sondern die Fähigkeit die Anforderungen vor dem Hintergrund unserer eigenen Bedürfnisse und Ziele zu bewerten.

Dieser Prozess von Selbstentwurf und Selbstentdeckung wird oft als Selbsttransformation erlebt. D.h. wir transformieren uns selbst in unserer inneren bewussten und unbewussten Prozessualität, so dass wir im Selbsterleben und Handeln mehr Selbstliebe und Selbstwert erleben können. 

Wir entwickeln ein Selbstverständnis, das es uns erlaubt uns einerseits als in einem ständigen Entwicklungsprozess zu erleben, ohne uns deshalb als unfertig, unvollkommen usw. zu erleben. D.h. wir sind nicht erst dann O.K., wenn wir ein bestimmtes Entwicklungsziel erreicht haben.

Dieses Selbstverständnis ermöglicht Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.

Ich möchte darauf hingewiesen, dass das Bedürfnis und die Anforderung nach Selbstaktualisierung leicht zu einem erschöpften Selbst führen können, einer andauernden Selbstüberforderung.

Dies hängt unter anderem mit einer Selbstüberschätzung zusammen. If you can dream it, you can do it. Gerade im Umkreis von NLP und anderen Selbstentwicklungspraktiken besteht immer die Gefahr Illusionen über das Machbare im Prozess der Selbsttransformation zu verbreiten. D.h. die Verleugnung sowohl der begrenzten psychischen Ressourcen, der genetischen Bedingtheiten als auch der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bürdet dem Einzelnen eine Verantwortung für den Verlauf und Erfolg seiner Bemühungen auf, die ihn letztlich nur als Versager zurück lassen wird.

Und nach soviel Beschäftigung mit dem Selbst soll letztlich nicht vergessen werden, dass wir uns am Besten in Momenten der Selbstvergessenheit fühlen. Im Flow bei der Arbeit, in schöpferischen Momenten, in der Liebe oder der Meditation. Zuviel Beschäftigung mit uns Selbst tut uns selbst nicht gut.

Die Selbst-Illusion

Sowohl in der Philosophie, als auch in verschiedenen, namentlich asiatischen, spirituellen Traditionen (Advaita Vedanta), geht man davon aus, dass es sich bei der Nominalisierung „das Selbst“ um eine Illusion handelt. 

Wie wir wissen führen Nominalisierungen dazu, dass wir einen Prozess wie ein Ding behandeln. Und in der Tat spricht Descartes davon, dass die Welt aus zwei Substanzen besteht, res extensa (Materie) und res cogitans, die denkende Sache, der Geist. Diese Art von Dualismus wird zwar von der ganz überwiegenden Mehrheit aller religiösen Menschen geteilt, gilt aber in den Neurowissenschaften als eine unhaltbare Vorannahme.

Als NLP’ler wäre die Frage wie können wir das Selbst als Prozess verstehen? Hier sollen erst einmal die wesentlichen Einsichten und Überlegungen vorgestellt werden, die dazu führen „das Selbst“ in seinem illusionären Charakter darzustellen.

Das Hauptargument dieser beiden Traditionen besteht im Wesentlichen darin, dass wir bei der Introspektion zwar Gedanken, Bilder, Gefühle usw. haben, dass uns aber nirgendwo so etwas wie das Selbst begegnet.

D.h. es gibt zwar so etwas wie Wahrnehmung, aber keinen der wahrnimmt. Es wird auch nicht geleugnet, dass es so etwas wie Meinigkeit gibt, also unsere Fähigkeit zwischen Innen und Außen zu unterscheiden, aber die Vorstellung, dass es darüber hinaus auch noch ein Selbst gibt, dass diese Meinigkeit produziert wird als eine Illusion bezeichnet. Dabei wird behauptet, dass diese Illusion ein Erleben erzeugt, nämlich des Selbst, dass es aber, wie bei jeder Illusion, dass was da erlebt wird so gar nicht gibt. Ein gutes Beispiel sind die verschiedenen optischen Illusionen. Sie sind das Ergebnis der Interpretation der Sinnesdaten durch unser Gehirn. Und mehr noch sie verschwinden nicht dadurch, dass wir wissen, dass es sich um eine optische Täuschung handelt.

Diese Illusion wird unter anderem dadurch erzeugt, dass wir das Gefühl haben unseren Körper wie ein Fahrzeug zu bewohnen. So wie wir unser Auto durch die Gegend fahren. Wir haben ein Gefühl der Identität durch die Zeit egal wie sehr sich unser Körper verändert.

Wenn man Menschen fragt wo sich ihr Ich oder ihr selbst befindet, dann antworten die meisten, dass es sich hinter den Augen im Kopf befindet. Und dies erleben wir auch, wenn wir meditieren. Gleichzeitig ist klar, dass es keinen Sinn macht dort eine Art Homunkulus anzunehmen, einen kleinen Mann im Gehirn, oder den berühmten Geist in der Maschine. Denn gebe es ihn, könnten wir die Frage, wo sich sein Selbst befindet wiederholen und würden so in einen unendlichen Regress landen.

Schon bei Aristoteles (384-322) finden wir erste Überlegungen zu diesem Thema in seinem Buch Von der Seele (De Anmia):

„Da wir wahrnehmen, dass wir sehen und hören, müssen wir entweder mit dem Gesichtssinn wahrnehmen, dass er sieht, oder mit einem anderen. Aber (dann) wird derselbe Sinn sich auf das Sehen und auf die gegenständliche Farbe richten oder der eine auf sich selbst. Ferner, wenn auch die Wahrnehmung vom Sehen eine andere wäre, so würde dies entweder ins Unendliche gehen, oder eine würde sich auf sich selbst richten. Daher kann man dies (sogleich) bei der ersten (Wahrnehmung) ansetzen. Es gibt hier aber eine Aporie: Wenn nämlich Sehen das Wahrnehmen mit dem Gesichtssinn ist, gesehen aber wird die Farbe oder das, was sie hat, so würde, wenn man das Sehende sähe, das erste Sehende Farbe haben.“ Buch III, Kap. II, 45 2b:2

Kant spricht in diesem Zusammenhang von dem inneren Sinn:

„Der innere Sinn, vermittelst dessen das Gemüt sich selbst oder seinen inneren Zustand anschaut, gibt zwar keine Anschauung von der Seele selbst, als einem Objekt; allein es ist doch eine bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres inneren Zustandes allein möglich ist, so dass alles , was zu den inneren Bestimmungen gehört, in den Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird.“ (KrV tr. Ästhetik § 2 (178-Rc 95)

Spezielle Probleme der inneren Wahrnehmung:

  • • „Innere Wahrnehmung“ ist nur eine Metapher.
  • • Was ist das Organ der Wahrnehmung? Es gibt im Moment keinerlei Hinweis, dass es so etwas wie ein Organ der inneren Wahrnehmung gibt.
  • • Gibt es eine spezifische Modalität des Bewusstseins? (Datenformat)
  • • Wahrnehmung erfasst prinzipiell nur konkrete Objekteigenschaften.
  • • Es ist aber der intentionale Gehalt des Zustands erster Stufe, der bewusst gemacht werden soll.

Gleichzeitig ist unser Gehirn in der Lage die Vielzahl unserer simultanen Erfahrungen zu einem in sich geschlossenen Erfahrungsraum zu synthetisieren und uns dabei den Eindruck zu vermitteln, dass es so etwas wie das Zentrum dieser Erfahrungen gibt. 

Auch die heutige Gehirnforschung bzw. die Gehirnforscher die sich  den neurologischen Grundlagen des Selbst-Gefühls beschäftigen sind sich einig, dass es keinen Sinn macht von dem Selbst zu sprechen.

Um genauer zu verstehen, wie die Erlebnisse zu interpretieren sind, ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass unser Gehirn in jeder Hemisphäre eine eigene Form des Selbstempfindens erzeugt. Diese Einsicht verdanken wir den Versuchen mit Split-Brain Patienten, bei denen die beiden Gehirnhälften operativ getrennt wurden, dadurch, dass das Corpus callosum durchtrennt wurde. Das Selbst in der linken Gehirnhälfte, in der auch unsere Sprachzentren lokalisiert sind, ist unser linguistisches Selbst. Dies ist das Selbst, das wir in unseren alltäglichen Verrichtungen erleben und aus dem heraus wir unsere sozialen Kommunikationen heraus organisieren.

Die beiden linguistischen Zentren sind das Broca-Areal und das Wernicke-Areal. Das erste dient der Spracherzeugung und das zweite dem Sprachverstehen.

Das Selbst der rechten Hemisphäre kann als unser emotionales Selbst verstanden werden. Zwischen beiden gibt es viele neuronalen Verbindungen. Wenn uns z. B. jemand lobt, dann verstehen wir nicht nur die Worte, wir fühlen uns auch besser und umgekehrt.

Michael Gazzaniga hat sich über Jahrzehnte mit der experimentellen Untersuchung von Split Brain Patienten beschäftigt und hat auf der Basis dieser Arbeit die Idee des ‚Interpreter’ entwickelt. Das ist der Teil von uns, der eine einheitliche Interpretation unserer Welt und Selbsterfahrung hervorbringt.

Er kam zu dieser Idee, dadurch, dass er die Split Brain Patienten fragte, wie sie sich erklärten, dass sie offensichtlich etwas wussten, (ihre isolierte rechte Hemisphäre hatte etwas erkannt, konnte es aber nicht an die linke, bewusste Gehirnhälfte weiterleiten), was ihnen nicht bewusst war. Alle Befragten erzeugten sofort eine scheinbar rationale Erklärung.

So wurde z.B. einem Patienten das Wort ‚ROT’ über das rechte Sehfeld in die linke Hemisphäre eingespielt. Er wusste also, dass er das Wort rot gelesen hatte. In das linke Sehfeld, also in die rechte Hemisphäre wurde das Bild einer Banane eingespielt. Er wurde dann aufgefordert: „Malen Sie was Sie sehen.“ Er mahlte eine Banane mit einem roten Filzstift. Dies ist erst einmal überraschend, da Bananen gelb sind. Auf die Frage, warum er eine rote Banane gemahlt hat, antwortet er: „Ich weiß nicht … , mit der linken Hand ist eine Banane am einfachsten zu malen.“

Ein weiteres Experiment ist in unserem Zusammenhang von Interesse. Man zeigte den Patienten 40 Bilder, die hintereinander eine kleine Geschichte erzählen; z.B. die Aktivitäten eines Mannes kurz nach dem Aufstehen. Dann zeigte man ihnen eine neue Reihe von Bildern in denen sowohl die alten Bilder vorkamen, als auch solche, die nicht gezeigt wurden, aber zu der Story passten und solche, die keinen Zusammenhang mit der Geschichte hatten. Die linke Hemisphäre hat natürlich die Story erkannt und erkannte alle Bilder als falsch, die nichts mit der Story zu tun hatten, tendierte aber dazu Bilder, die, diesie nicht gesehen hatten, die aber zu der Story passten als ‚gesehen’ zu interpretieren.

Ganz anders die rechte Hemisphäre. Sie interpretiert nicht, sie entwirft keine Story und ist daher viel besser in der Lage die falschen, aber ‚passenden’ Bilder als nicht gesehen zu erkennen.

Bei einem anderen Experiment wurde den Patienten ein beängstigender Film in die rechte Hemisphäre eingespielt; die linke sah nur eine weiße Fläche. Auf die Frage, was sie gesehen haben, antworteten sie: „Eine weiße Fläche.“ Allerdings fühlten sie sich irgendwie ängstlich. Und sie versuchten dieses Gefühl mit dem Raum, dem Versuchsleiter usw. zu erklären.

D.H. der Interpreter in der linken Hemisphäre versuchte sofort eine einigermaßen plausible Erklärung für die Situation zu erzeugen.

Gazzaniga zieht aus seinen Experimenten folgende Schlussfolgerungen:

  • • Der Interpreter ist nur so gut wie die Daten, die er bekommt.
  • • Unsere Realität ist virtuell.
  • • Läsionen verschiedener Gehirnareale verhindern, dass der Interpreter die geeigneten Informationen erhält und so z.B. nicht in der Lage ist seine eigene Hand zu erkennen.
  • • Die erlebte Einheit unserer Erfahrung ist das Produkt einer speziellen Region in der linken Hemisphäre, dem Interpreter.
  • • Der Interpreter ist eine Spezialisierung in der linken Hemisphäre, die mit unserer Sprachfähigkeit zu tun hat, und nur wir Menschen haben diese Fähigkeit. Es ist der Trigger für unsere Überzeugungen – beliefs.
  • • Wir bilden unser Weltmodell, nachdem unbewusste Prozesse in unserem Gehirn die Daten aufbereitet haben.
  • • Der Interpreter erzeugt die Bedeutung relativ zu den Daten, die er bekommt und relativ zu dem Situationsverständnis, welches er schon hat.

Weitere interessante Forschungsergebnisse 

Wir wissen heute, dass unsere Fähigkeit uns selbst im Spiegel zu erkennen erst zwischen dem 18 und 24 Monat auftaucht. Und wir wissen, dass die meisten Tiere dazu überhaupt nicht in der Lage sind. D.h. sich seiner selbst bewusst sein, setzt einen bestimmten Entwicklungsgrad unseres Gehirns voraus.

Gordon G. Gallup, Jr., ein Psychologe an der University at Albany, entwickelte den Spiegel-Test zuerst für Tiere. Er wollte wissen ob und wenn ja, welche Tiere sich im Spiegel selbst erkennen können. Wir wissen heute, dass außer uns Menschen auch Schimpansen und Orang Utans bestimmte Delphine und die Elster den Test bestehen.

Er stellt fest, dass es diese Form des Selbstbewusstseins ist, die es uns ermöglicht ein Bewusstsein von unserem eigenen Tod in der Zukunft zu haben. Und vielleicht ist es gerade diese beunruhigende Gewissheit, die uns dazu veranlasst hat, quasi als Kompensation, die Idee eines unsterblichen Selbst zu entwickeln.

Wir haben weiter oben erwähnt, dass wir normalerweise unser Ich hinter unseren Augen lokalisieren. Wenn man aber eine Brille auf hat, die in jedes Auge ein Bild zeigt, dass von zwei Kameras hinter uns aufgenommen werden, dann haben wir den Eindruck, dass unser Ich hinter uns ist. Wir haben sozusagen ein virtuelles Out of Body Erlebnis. Wenn wir die Brille wieder abnehmen haben wir das Gefühl als ob – unser Selbst – in den Körper vor uns hineingezogen worden ist.

Diese Experimente kann man aber noch einen Schritt weiter treiben. Jetzt sind die beiden Kameras auf dem Kopf des Versuchsleiters. D.h. die Versuchsperson sieht sich selbst aus der Perspektive des Anderen. Wenn dieser uns jetzt die Hand reicht und wir sie schütteln, wie bei einer normalen Begrüßung, dann erscheint sein Arm als der eigene. Wenn jetzt jemand mit einem Messer über die Hand des Versuchsleiters streicht, dann bekommt man sofort Angst geschnitten zu werden.

D.h. unser Interpreter versucht aus den Daten Sinn zu machen. Und wenn wir uns von hinten sehen, dann macht es Sinn davon auszugehen, dass wir dort sind und wenn wir uns aus der Perspektive eines anderen sehen, dann macht es Sinn davon auszugehen, dass unser Selbst in einem anderen Körper ist.

Wir wissen heute, dass unser Unbewusstes oder besser Teile unseres Gehirns, dessen Aktivität uns nicht bewusst ist, bis zu sechs Sekunden bevor uns bewusst wird welche Entscheidung wir treffen wollen, bereits entschieden hat, wie wir uns entscheiden werden.

Das dazugehörige Experiment ist sehr einfach. Ein Proband wird in einen Scanner gelegt und er hat die freie Wahl, wann er den linken oder den rechten Knopf drücken möchte. Die Wissenschaftler, die währenddessen das Gehirn beobachten können an einer bestimmten Gehirnregion bereits sechs Sekunden vorher sehen, wie wir uns entscheiden werden.

In diesem Sinne ist das bewusste Ich-Erlebnis – ich entscheide wann ich welchen Knopf drücke – ein Epiphänomen darunter liegender Gehirnaktivität.

Zusammenfassend können wir sagen, dass uns die Gehirnforschung dazu drängt die Vorstellung von einem Selbst, dass wie eine eigene Substanz unser eigentliches Wesen ausmacht und den Tod überdauert nur noch schwer aufrecht zu erhalten ist.

D.h. das Selbst wird heute als Prozess verstanden, als ein Selbstmodell, das sich das Gehirn in seinem Entwicklungsprozess, d.h. sowohl evolutionär, als auch individuell, schafft.

Selbstbewertung

Um zu wissen, was für eine Person wir sind, bzw. wie gut oder schlecht wir bezüglich einer Tätigkeit sind nutzen wir Vergleiche. Die Vergleichsmaßstäbe können rational oder irrational sein, aber da wir sie selbst ausgesucht haben erscheinen sie uns rational. Für den Fall, dass diese Maßstäbe uns von außen aufgezwungen wurden, können wir uns entweder mit diesen Autoritäten nachträglich identifizieren oder dagegen rebellieren, aber damit verliert der Maßstab nicht automatisch seine Gültigkeit für uns.

Einer der ersten Sozialpsychologen, der diese Art von Vergleichen empirisch untersucht hat, war Leon Festinger.

Diese Maßstäbe haben Einfluss auf unser Lernverhalten und den Grad unser Selbstakzeptanz. Dies gilt für jeden Trainer sowie für seine Schüler. Es ist daher wichtig, dass der Trainer ein gutes Beispiel für sinnvolle Formen der Selbstbewertung darstellt und seine Schüler dabei unterstützt selbst sinnvolle Maßstäbe für sich selbst zu entwickeln.

Selbstbewertung führt fast immer zu einer Art Ranking: „Ich bin besser/schlechter als X.“ Da man fast immer jemanden finden kann, der bezüglich der in Frage stehenden Eigenschaft/Fähigkeit besser ist, führt diese Art von Vergleich sehr leicht zu Selbstabwertung. Sucht man sich aber einen objektiven Standard den man erreichen kann, dann besteht die große Chance, dass man mit sich selbst zufrieden ist, wenn man diesen erreicht hat.

Jeder Vergleich hat sowohl kognitive als auch emotionale Konsequenzen. Wenn man sich z.B. mit jemandem vergleicht, der besser Tennis spielt als man selbst, dann ermöglicht dies Einsichten darin, was der andere besser macht, um besser zu sein. Wir können davon lernen und versuchen ihn zu modellieren. Wie wir uns dabei fühlen hängt von vielen Variablen ab.

Vergleichen wir uns mit jemandem, der schlechter ist als wir selbst können wir davon wenig lernen, fühlen uns aber vielleicht gut dabei.

Abraham Tesser, ein amerikanischer Psychologe entwickelte sein self-evaluation maintenance model um die Motive für self-enhancement zu erforschen. Dabei interessierten ihn Fragen wie:

  • Wie geht es dir, wenn ein Freund bei etwas, was dir selbst wichtig ist, besser ist als du?
  • Wie geht es dir, wenn ein Freund bei etwas, was dir selbst nicht wichtig ist, besser ist als du?
  • Wie geht es dir, wenn ein Fremder bei etwas, was dir selbst wichtig ist, besser ist als du?
  • Wie geht es dir, wenn ein Fremder bei etwas, was dir selbst nicht wichtig ist, besser ist als du?

Diese Fragen stellen sich im Rahmen von Lerngruppen, wie z.B. eine NLP-Ausbildung, bewusst oder unbewusst fast automatisch.

Seine Beobachtungen zeigten, dass es für uns umso schwieriger ist uns für einen anderen zu freuen, wenn er etwas besser macht als wir, wenn wir zu dieser Person eine enge persönliche Bindung haben und diese Tätigkeit für uns selbst sehr wichtig ist.

Er fragte sich auch wie das Verhältnis von Self-Enhancers vs. Self-Verficaters ist. Self-Enhancers sind Menschen, denen es wichtig ist, dass sie positives Feedback bekommen, selbst wenn es nicht wahr ist. Self-Verficaters sind Menschen, die es vorziehen, dass sie Feedback bekommen, welches ihr schon vorhandenes Selbstbild bestätigt.

Diese Forschungen wurden von B. Swann u.a. weitergeführt. Sie baten ihre Probanden:

  • Fünf Qualitäten aufzulisten und diesen einen Wert zuzuordnen, der angeben sollte, wie hoch diese Qualität bei ihnen ausgeprägt ist.
  • Sie sollten auch angeben, wie sehr sie es genießen würden Feedback bezüglich der Qualität zu bekommen, die sie selbst am höchsten bzw. am geringsten bewertet haben.

Es war wenig überraschend, dass die Teilnehmer lieber Feedback über ihre positivsten Eigenschaften bekamen. Wenn man sie aber Feedback zu beiden Extremen bekommen würden, wie gerne würden sie dann angenehmes bzw. unangenehmes Feedback zu den beiden Extremen hören. Doppelt so viele der Probanden wollten lieber angenehmes Feedback über ihre positiven Eigenschaften hören. Allerdings wollten die meisten lieber unangenehmes Feedback über ihre schlechteste Eigenschaft hören.

Sie argumentierten wie folgt: „Ich weiß ich bin nicht gut in X. Wenn ich kritisches Feedback diesbezüglich bekomme, dann hilft mir das mehr mich zu verbessern, als wenn ich dafür auch noch gelobt werde.“ D.h. ein positives Feedback wäre unglaubwürdig und würde dem Bedürfnis nach self-verification widersprechen. Dementsprechend erfüllt das positive Feedback bezüglich der Eigenschaften, die die Person selbst als besonders gut einschätzt, sowohl ihr Bedürfnis nach self-enhancement als auch ihr Bedürfnis nach self-verification.

In einer späteren Studie hat man die Probanden nach einem einschlägigen Test in zwei Gruppen eingeteilt, diejenigen mit hohem bzw. niedrigem Selbstbewusstsein, bzw. Selbstwert (selfesteam). Den Teilnehmern wurde dann von den Psychologen sowohl positives als auch negatives Feedback gegeben. Dann wurden die Teilnehmer gefragt für wie zutreffend sie die beiden Sorten von Feedback hielten.

Die Gruppe mit hohem Selbstbewusstsein bewertete das positive Feedback als dreimal so akkurat wir das negative. Die Gruppe mit geringem Selbstbewusstsein bewertete das positive Feedback als weniger akkurat wie das negative.

 

Danach wurden die Versuchsteilnehmer gefragt wie gut sie sich fühlten, nachdem sie das Feedback bekommen haben.

Die Gruppe mit hohem Selbstwert fühlte sich sehr gut. Hingegen fühlte sich die Gruppe mit niedrigem Selbstwert zwar in ihrer Selbsteinschätzung bestätigt, aber trotzdem schlecht.

Fassen wir diese Ergebnisse zusammen:

  • • Wenn wir die Wahl haben wollen wir lieber etwas über unsere guten Qualitäten hören und uns dabei gut fühlen.
    • Self-enhancement
    • Die Entscheidung wird durch affektive Ziele bestimmt
    • Wenn wir uns Feedback über negative Qualitäten anhören müssen, dann wollen wir hören, was wir selbst für wahr halten; aber wir fühlen uns trotzdem negativ, wenn die Wahrheit negativ ist.
    • Self-verification
    • Die Entscheidung wird durch informationale Ziele bestimmt
    • Trotzdem haben wir negative Emotionen

Die self-verification Theorie wurde durch Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz noch verfeinert. 

WildWechsel goes East

Wir ziehen um in neue Räume

Ab dem 1.7. ist es soweit: WildWechsel zieht um in den Casallapark, parallel zur Hanauer Landstraße. Auf 250 qm findet Ihr wunderschöne Seminarräume und gemütliche Coaching-Räume. Es gibt genügend Parkplätze, eine gute ÖPNV-Anbindung und eine tolle Dachterrasse. Intensiven Transformationserlebnissen, berührenden Begegnungen und erfolgreicher persönlicher Entwicklung steht also endgültig nichts mehr im Weg.

In den nächsten Monaten heißt es um- und ausbauen und dann freuen wir uns, Euch in den neuen Räumlichkeiten zu begrüßen. Termin für die Einweihungsparty kommt!

„Grenzen schaffen Nähe“ – mein neuer Beitrag in der Zeitschrift Praxis Kommunikation 01/2019

Hier findet Ihr den Artikel als pdf.

Oft denken wir, dass wir uns – auch und gerade den Menschen gegenüber, die wir am meisten lieben, nicht abgrenzen dürfen, ohne die Liebe zu gefährden. Wieso dies ein Trugschluss ist, zeige ich in meinem aktuellen Artikel „Grenzen schaffen Nähe“ in der aktuellen Praxis Kommunikation 1/2019.

Und weil ich häufig gefragt werde: „Sag mal, Susanne, was für Grenzen gibt es denn eigentlich?“ gehe ich auch darauf ein.

Ich bin gespannt auf Euer Feedback und wünsche Euch viel Spaß beim Lesen.

Vom Nebel zur Klarheit im Kopf

von Dr. Susanne Lapp

 

Früher erlebte ich es regelmäßig. Wenn ich versuchte, ein Gespräch mit einem Vorgesetzten vorzubereiten, zogen gefühlt ganze Nebelbänke durch mein Hirn. Von einem Moment auf den anderen war kein klarer Gedanken mehr zu fassen.

Normalerweise habe ich mit Denken wenig Probleme – zumindest, wenn ein mit Auszeichnung bestandenes Abitur und Studium irgendein Indikator für diesbezüglichen Erfolg sind. Doch wo kam immer wieder dieser Nebel her? Lange hatte ich auf diese Frage keine Antwort. Und natürlich erst recht nicht auf die noch viel drängendere Frage, wie ich diese Nebelschwaden wieder los werde.

Systemischer Nebel als Ausdruck von Denkverboten

Dann begann ich als Coach zu arbeiten und beobachtete, dass auch viele meiner Klienten von ähnlichen „Nebel-Erfahrungen“ berichteten. Manche berichten auch von einer Leere im Hirn oder dem sprichwörtlichen Brett vor dem Kopf.

Und ich erkannte, in welchen Momenten diese Phänome – kurz: dieser Nebel – in den Hirnen auftauchen, nämlich immer dann, wenn irgendeine (Kindheits-)Erfahrung nicht bewusstseinsfähig ist. Seitdem nennen ich dieses Phänom den „systemischen Nebel“. Er ist regelmäßig ein Ausdruck von Denkverboten aus unserem Herkunftssystem.

Wie kann man sich das vorstellen? Ein Beispiel: Ein Junge hat ein echtes Talent für Mathematik. Gleichzeitig hat er einen Vater, der sich mit Zahlen sehr schwertut und es beruflich nicht weit gebracht hat. Deswegen kann der Vater sich nun nicht über die Begabung seines Kindes freuen. Vielmehr reagiert er jedes Mal gereizt, wenn das Talent aufscheint – und sei es nur, um einen günstigeren Preis von Joghurt im Supermarkt auszurechnen.

Das Kind merkt dies – zumindest unbewusst – schnell. Um die Beziehung zum Vater nicht zu belasten, gewöhnt er sich in der Folge ab, von seiner mathematischen Begabung Gebrauch zu machen. Sein Unbewusstes unterstützt ihn in diesem Ziel, indem es in den entsprechenden Situationen den systemischen Nebel aufziehen lässt. Schon kann das Kind keinen klaren Gedanken mehr fassen. Der Vater ist zufrieden, dass die Zahlenlehre dem Filius nun genauso schwerfällt wie ihm selbst. Der systemische Nebel hat seine Schuldigkeit getan.

Dreißig Jahre später wird aus dem Kind vielleicht ein erfolgreicher Projektleiter geworden sein. Lediglich der Zahlenapparat wird ihm Schwierigkeiten bereiten. Und er wird ins Coaching kommen, weil er sich über den komischen Nebel wundern wird, der in seinem Hirn zuverlässig dann aufzieht, wenn er Zahlen aufbereiten soll.

Also wenn das Unbewusste schon bei eher harmlosen Auslösern wie dem eben Geschilderten mit Vernebelung reagiert, dann ist es offensichtlich, dass es das erst recht bei dem Erleben von Gewalt, Verlust von wichtigen Bezugspersonen oder Missbrauch tut. So schützt das Unbewusste vor Erinnerungen, die aus der Sicht des Kindes als unerträglich erlebt wurden.

Doch auch wenn der systemische Nebel zunächst eine sinnvolle Erste-Hilfe-Maßnahme der Psyche ist, erweisen sich die damit verbunden Denkblockaden als einschränkend. Dann wird es Zeit, etwas dagegen zu unternehmen.

Wege zur Klarheit

Wie bringt man nun diesen den systemischen Nebel – und mit ihm die Denkblockaden – zum Verschwinden? Zum Glück haben sowohl das NLP wie auch die Aufstellungsarbeit dafür eine ganze Reihe von Instrumenten parat, die sich entweder gut erlernen lassen oder zumindest im Rahmen eines Coachings zum Erfolg führen:

  • Arbeit mit Submodalitäten. Letztlich handelt es sich bei dem Nebel um ein selbsterzeugtes inneres Bild. Dieses lässt sich häufig verschieben, verkleinern oder heller machen. Manchmal kann man sich auch vorstellen, dass man eine Windmaschine anstellt, die den Nebel wegpustet und so die dahinterliegenden Bilder und Erinnerungen freigibt.
  • Arbeit mit inneren Anteilen. Selbstverständlich kann man den systemischen Nebel auch einfach als einen Persönlichkeitsanteil begreifen. Schließlich ist er ja genau das, ein Teil von uns. So kann man seine gute Absicht erkunden und gegebenenfalls mit ihm über bessere Wege verhandeln, wie er sein Ziel erreichen kann, als ausgerechnet über eine Denkblockade.
  • Systemischer Re-Imprint.Im Rahmen eines systemischen Re-Imprints wird mit dem kindlichen Anteil und den damals relevanten Bezugspersonen gearbeitet. Man kann diese solange mit Ressourcen versorgen, bis keine im wahrsten Sinne des Wortes „undenkbare“ Situation mehr für das Kind entsteht.
  • Insbesondere, wenn sich der systemische Nebel hartnäckig hält und die damit verbundenen Denkblockaden sehr belasten, empfiehlt sich eine Familienaufstellung. Manchmal haben sich die „undenkbaren“ Ereignisse nämlich nicht in der eigenen Biografie ereignet, sondern liegen einige Generationen zurück. So hat vielleicht der Großvater im Krieg Unerträgliches erlebt, über das er nie wieder nachdenken wollte. Und diese Denkblockade ist dann bei dem Enkel gelandet, dem sie heute das berufliche Fortkommen erschwert.

Fazit: Klarheit ist machbar

Kein Nebel, keine Denkblockade kann sich dauerhaft gegen unseren Willen in unserem Kopf halten. Dies weiß ich nicht nur aus der Arbeit mit vielen Ausbildungsteilnehmern und Klienten, sondern auch aus eigener Erfahrung.

Für mich selbst gehört der Nebel schon seit vielen Jahren der Vergangenheit an und ich genieße die gewonnene Klarheit auch bei schwierigen strategischen Fragestellungen. Der Weg dorthin hat sich für mich auf alle Fälle gelohnt.

Was sind Probleme?

 Mit der Metapher vom Menschen als Computer vollzog das NLP paradigmatisch den Übergang von der Vorstellung einer mechanischen zu einer kybernetischen Maschine. Wenn eine mechanische Maschine kaputt ist, dann ist ihre Hardware beschädigt. Sie muss repariert werden. Bei einer kybernetischen Maschine gibt es den Unterschied zwischen Software und Hardware. Und die Software kann entweder einen Fehler haben, oder aber sie kann für eine Aufgabe genutzt werden, für die sie nicht geeignet ist: Dann nutzt eine Maschine ein unvorteilhaftes Programm. 

Die Schulmedizin behandelt körperliche Krankheiten im Prinzip, wie ein Automechaniker Autos repariert. NLP sieht den Menschen gemäß der Computer-Metapher als eine kybernetische Maschine und betrachtet psychische Störungen als Leistungen: Jedes Problem ist auch eine Leistung in dem Sinne, dass es einem anderen Menschen u. U. unmöglich ist, ein solches Symptom bewusst hervorzubringen. Diese Sicht hat mehrere Vorteile: Der Klient kann die Vorteile würdigen, die das Symptom (vielleicht in anderen Kontexten) beinhaltet. Dies ermöglicht es ihm leichter, das Muster als eine veränderbare interne Repräsentation anzusehen, die nicht bedeutet, dass er krank oder in irgendeiner Weise kaputt ist. Das Problem/Symptom ist vielmehr Resultat eines in sich perfekt funktionierenden, gut gelernten (aber unvorteilhaft kontextualisierten) internen Programms. 

Symptomklassen 

Grob lassen sich im NLP vier Klassen von Problemen unterscheiden: 

  1. 1. Stimulus-Response-Kopplungen (Anker) 
  2. 2. Ineffektive Strategien 
  3. 3. Bedeutungsprobleme 
  4. 4. Teile-Arbeit 
  5. 5. Traumata 

Ein typisches Beispiel für eine Stimulus-Response-Kopplung ist die phobische Reaktion. Sie wird im NLP nicht als Ausdruck einer neurologischen Störung aufgefasst (Stoffwechselstörung, zu wenig/zu viel Neurotransmitter etc.). Es wird vielmehr davon ausgegangen, dass die Phobie auftritt, weil auf ein äußeres oder inneres Signal (Trigger) hin ein unbewusstes Programm (Befürchtungsfilm) an- und abläuft. 

Das Paradebeispiel für eine unangemessene Strategie stellt eine auditive Buchstabierstrategie für Sprachen wie Deutsch, Englisch und Französisch dar. In diesen Sprachen schreibt man anders als man die Worte ausspricht, sodass es bei vielen Worten unmöglich ist, aus dem Klangbild auf das Schriftbild zu schließen. Hier wäre eine visuelle Buchstabierstrategie angemessen. Das Problem „Legasthenie“ ist so gesehen weder eine Stimulus-Response-Kopplung noch ein Bedeutungsproblem, sondern eine sachlich unangemessene Nutzung der Repräsentationssysteme. Eine Lösung stellt sich hier eher als ein Training dar, weniger als Therapie im herkömmlichen Sinne. 

Zwischen den Stimulus-Response-Kopplungen und Strategien gibt es auch große Ähnlichkeiten, weil es sich in beiden Fällen um gelernte Gewohnheiten (Programme) handelt, die unbewusst ablaufen. 

Von Bedeutungsproblemen sprechen wir dann, wenn die Beschwerden des Klienten aus einschränkenden Bedeutungsgebungen resultieren. Beispiel: Jemand ist bei einer schwierigen Prüfung durchgefallen. Er hält sich nun für einen Versager. Das therapeutisch behandelbare Problem besteht nun nicht darin, dass der Klient durchgefallen ist (das ist eine Tatsache, die der Therapeut nicht ändern kann), sondern in der Bedeutung („Ich bin ein Versager“), die der Klient dem Ereignis gibt. 

Die Teile-Arbeit besteht im Wesentlichen im Erwachsen-werden-Lassen von durch Traumata in jüngeren Entwicklungsphasen stecken gebliebenen Persönlichkeitsanteilen, aber auch im Verhandeln zwischen verschiedenen Teilen. 

Zu den Traumata gehören alle Ereignisse, die der Klient zum Zeitpunkt ihres Auftretens nicht integrieren konnte. Dies kann der frühe Tod der Mutter sein, Gewalt in der Erziehung, eine Vergewaltigung und Ähnliches. Das Format im NLP, das für diese Symptomklasse am besten geeignet ist, ist der Re-Imprint bzw. der zirkuläre Re-Imprint. 

Diese vier Symptomklassen sind allerdings längst nicht alle, die uns in der Therapie und im Coaching begegnen. Daher ist es notwendig, die verschiedenen Symptomklassen zu kennen, sie differenzialdiagnostisch erkennen zu können und zu wissen, welche Methoden für die entsprechenden Symptome geeignet sind und welche nicht. 

Wir werden daher im Folgenden die Symptomklassen aufführen, die in unserer Arbeit von besonderer Bedeutung sind. 

Teil erwachsen werden lassen 

Im NLP finden wir in dem Buch Reframing von Bandler und Grinder, in dem auch das Teile-Modell zum ersten Mal vorgestellt wurde, folgende Formate für das Arbeiten mit Teilen: 

  1. 1. Verhandeln zwischen den Teilen 
  2. 2. Einen neuen Teil konstruieren 
  3. 3. Sechs-Schritt Reframing 

Diese drei Formate gehen von der Vorannahme aus, dass die Teile erwachsen sind, und dass sich die Probleme, die sie machen, allein daraus verstehen lassen, dass sie ihrer positiven Absicht verhaltensmässig ungünstig realisieren. Zwei Jahrzehnte NLP- Arbeit hat mich davon überzeugt, dass diese Vorannahme bei den meisten Konflikten, die man sinnvollerweise mit dem Teile-Modell bearbeiten kann, falsch ist. 

Die ungünstige Realisierung ihrer positiven Absicht hat gerade damit zu tun, dass die Teile eben nicht erwachsen geworden sind. Sie stecken aufgrund einer traumatischen Erfahrung in einer Erlebnisblase fest und haben im Regelfall keine Ahnung, wie alt die Person ist, in der sie leben. Sie agieren so, als Lebensumstände noch genauso wären wie zum Zeitpunkt ihrer Traumatisierung. Es bietet sich daher an ein zusätzliches Format zu unterrichten, wenn man das Teile- Modell unterrichtet: 

Einen Teil erwachsen werden lassen 

Die Vorannahmen dieses Formats lauten: 

  • • Traumatisierungen führen dazu, dass Teile in dem Entwicklungsstadium stecken bleiben, in dem sie die Traumatisierung erfahren haben. 
  • • Die traumatisierten Teile leben in einer Erlebnisblase, die ihr damaliges Gefühl darstellt, z. B. Angst, Einsamkeit usw. 
  • • Diese Teile wissen im Regelfall nicht, wie alt die Person ist, in der sie leben, und wie deren tatsächliches Leben heute aussieht. 

Format: Einen Teil erwachsen werden lassen 

Vorbemerkung: Der Klient hat den Teil schon identifiziert. 

Therapeut: Klient: Therapeut: 

Klient: Therapeut: Klient: Therapeut: 

Klient: Therapeut: Klient: 

(zum Klienten) Wenn du an diesen Teil denkst, wie alt erscheint er dir?
X Jahre.
O. k., dann stell dir jetzt bitte vor, du würdest eine Art Zeitreise in die Vergangenheit machen und würdest den kleinen X-Jährigen besuchen. Sage zu ihm: Ich bin dein großes Ich aus der Zukunft und ich bin schon Y Jahre alt. 

(Klient wiederholt diesen Satz)
Wie reagiert der Kleine?
Er ist erstaunt und kann es kaum glauben.
Genau, und jetzt sage ihm: Du lebst in einer Blase aus Angst und Einsam- keit (oder worum es sich gerade handelt), und ich bin gekommen, um dich daraus zu befreien.
(Klient wiederholt diesen Satz)
Wie reagiert der Kleine?
Er sagt, dass es auch langsam Zeit wird. 

An dieser Stelle des Formats klärt der erwachsene Teil unter Anleitung des Therapeuten, was zu der Traumatisierung geführt hat; analog zum zirkulären Re-Imprint. Der jüngere Teil wird aufgefordert, dabei zuzusehen. Ist das Trauma aufgelöst, geht es wie folgt weiter: Therapeut: 

O. k., nimm den Kleinen an die Hand, geh jetzt mit ihm ganz aus der Situation heraus und stell dir vor, ihr beide würdet einen Spaziergang in Richtung Gegenwart machen. Und stell dir vor, durch deinen Arm und deine Hand fließt deine ganze Lebenserfahrung, all deine Erlebnisse und Erkenntnisse in diesen Teil von dir. Und beobachte, wie er dabei allmählich größer, älter und erwachsener wird. 

Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, Zwischenetappen einzulegen. Zum Beispiel wird der Glaubenssatz „Ich bin nicht liebenswert“ sicherlich auch in der Pubertät seine Auswirkungen gehabt haben. Man geht dann mit dem jüngeren Teil erst einmal nur bis in das Alter, klärt da, was zu klären ist, und geht dann weiter. 

Klient: Therapeut: Klient: Therapeut: 

Klient: Therapeut: 

Klient: Therapeut: 

Klient: 

Und wenn ihr beide in der Gegenwart angekommen seid, gibst du mir Bescheid.
Klient nickt
Frage den Teil jetzt, was er zu X (dem ursprünglichen Problem) meint. Er sagt, dass es höchste Zeit wird, damit aufzuhören. 

Gut. Dann könnt ihr beide euch zusammen überlegen, was eine bessere Alternative wäre.
(Teilt das Ergebnis mit)
O. k., dann stellt euch zusammen einige der bisher problematischen Situa- tionen vor und testet, ob die neue Verhaltensweise in allen gut funktioniert, oder ob ihr für verschiedene Situationen unterschiedliche Verhaltensweisen brauchen könntet. (Future Pace und erster Öko-Check) 

Wir haben noch einige Variationen dazu genommen.
Gut, dann stell dir vor, du sitzt an einem großen Konferenztisch an der Stirnseite; du bist der Chef. Und rechts und links sitzen alle deine Persönlichkeitsanteile. Teile ihnen mit, dass du einen Teil aus seiner Erlebnisblase befreit hast, und dass ihr euch zusammen überlegt habt, wie ihr euch in bestimmten Situationen in der Zukunft verhalten wollt. Stell Dir vor, alle Teile könnten diese Optionen in Form einer holografischen Darstellung sehen. Frage sie, ob es Einwände oder Bedenken gibt.
Alle stimmen zu. 

Ende des Formats. 

Sollte es Einwände geben, arbeitet man nach dem Format „Verhandeln zwischen den Teilen“ weiter. Es kann auch sein, dass ein einwanderhebender Teil selbst noch durch dieses Format geführt werden muss. Es kann aber auch sein, dass ein Teil, der einen Einwand erhebt, gar kein eigener Teil ist, dann weiter mit dem Format „Fremde Teile entfernen“; siehe nächstes Kapitel. 

Fremdteile 

Bandler und Grinder gingen in ihrer Arbeit wie selbstverständlich davon aus, dass alle Teile eigene Teile der Person sind. Diese Vorannahme ist weder durch unsere Arbeit noch durch die Forschungen über Introjekte bzw. das Konzept der Fremdgefühle von Bert Hellinger gedeckt. 

Vielmehr zeigt sich nicht selten, dass ein Teil auf die Frage nach seiner (positiven) Absicht antwortet: „Ich will, dass du leidest!“ oder irgendeine Variation davon. Oder er gibt eine vermeintlich positive Absicht an, z. B. „Ich möchte, dass du nicht überheblich wirst“. Macht man ihn dann aber auf die tatsächlichen Konsequenzen seines Eingreifens aufmerksam, z. B. dass der Klient sich gar nichts zutraut, dann lacht er höhnisch. 

Man kann den Klienten dann sagen lassen: „Wenn du nicht an meinem Wohl interessiert bist, dann bist du auch kein Teil von mir.“ Im Regelfall fühlt sich der Teil ertappt und der Klient merkt sofort, dass das ein Treffer ins Schwarze war. 

Man kann dann erkunden, von wem dieser Teil ursprünglich kam und was den Klienten damals bewogen hat, ihn in sich aufzunehmen. Dabei könnte z. B. herauskommen, dass der Teil von der Mutter kommt, die mit ihrem eigenen Leben unzufrieden war und nicht wollte, dass es ihrer Tochter besser geht als ihr. Das Kind spürte, dass es nur sicher war, wenn es sich der Mutter gegenüber als „Versager“ darstellte. Es hat also die Selbstachtung gegen die Zugehörigkeit eingetauscht. 

Ist das der Klientin soweit klar, lässt man sie sagen: „Ich habe dir eine Aufenthaltsgenehmigung in mir erteilt, da ich als kleines Kind keine andere Wahl hatte. Jetzt habe ich eine andere Wahl und ich entscheide, dass du mein Körper- und Energiesystem verlässt, jetzt sofort.“ Im Regelfall trottet der Teil beschämt von dannen. 

Sollte das nicht der Fall sein, gibt es noch einen unbearbeiteten Einwand gegen das Verlassen. In Hunderten von Fällen hat es sich noch nie gezeigt, dass ein fremder Teil die Macht hat zu bleiben, wenn der Klient kongruent sein Verschwinden wünscht. 

Um den Einwand zu finden, könnte man ihn bitten, sich vorzustellen, der Teil wäre schon weg (As-if-Frame). Dann fragt man ihn, was er glaubt, was dies für Konsequenzen haben könnte. Einwände beziehen sich in diesem Kontext immer auf die möglichen Konsequenzen einer Entfernung des Teils. 

Die vermuteten Konsequenzen können realistisch, aber auch unrealistisch sein. Bei den realistischen Bedenken könnte der Therapeut die Klientin fragen: „Ist dir dein Erfolg (oder was immer gerade auf dem Spiel steht) wichtig genug, als dass du bereit bist, auch mit diesen Konsequenzen zu leben?“ 

Ist die Klientin noch unsicher, könnte der Therapeut sagen: „O. k., dann überleg es dir noch eine Weile, und wenn du deine Meinung änderst, weißt du ja, was du tun kannst.“ 

Unrealistische Einwände kommen meist von Teilen, die noch nicht erwachsen sind. Mit diesen kann man dann das Format „Teile erwachsen werden lassen“ machen. 

Besetzungen 

In der therapeutischen Arbeit kommt es durchaus vor, dass ein Klient den Eindruck hat, von einer verstorbenen Person besetzt zu sein. Egal ob man sich dazu durchringen kann, diese Beschreibung wortwörtlich ernst zu nehmen oder nicht, hat es sich in meiner Arbeit durchaus bewährt, in das Modell der Welt des Klienten einzusteigen. Ich bitte dann den Klienten als Erstes herauszubekommen, wer diese Person ist. Zweitens was sie davon hat, sich an den Klienten zu heften. Drittens wird ihr der Vorschlag gemacht, ihr einen Ort zu zeigen, an dem es ihr viel besser gehen würde als beim Klienten. Daraufhin bitten wir diese Wesenheit, sich einmal um ihre Achse zu drehen und zu schauen, ob sie in einiger Entfernung ein Licht oder eine Person sieht. Dann begleitet der Klient sie im Inneren hin zu diesem Licht oder dieser Person. Und in allen Fällen (mehrere Hundert) war die Wesenheit danach weg. Weg in dem Sinne, dass der Klient nie wieder den Eindruck hatte, dass sie für ihn noch da war. Ob wir damit nur einen Reframe im Rahmen eines spiritistischen Weltbildes angeboten haben, oder ob „tatsächlich“ eine verstorbene Seele ihren Weg ins Licht gefunden hat, lässt sich im Rahmen dieser therapeutischen Arbeit nicht entscheiden, ist aber unter therapie- praktischen Gesichtspunkten auch ganz unwichtig. 

Meine Versuche, diese „Teile“ im Rahmen des NLP-Teilemodells beziehungsweise im Rahmen familiensystemischer Ansätze zu bearbeiten, ist regelmäßig fehlgeschlagen. Dies ist zumindest ein Hinweis darauf, dass es sich bei der Erfahrung der Besessenheit um etwas spezifisch anderes handelt als in den oben genannten Fällen. Darüber hinaus weiß ich von vielen Klienten, dass sie wegen genau dieses Themas schon bei unter- schiedlichen Therapeuten waren, ohne dass deren Interventionen am subjektiven Erleben des Klienten irgendetwas geändert hätten. Die meisten dieser Klienten empfanden die Vorstellung, dass eine verstorbene Seele an ihnen klebt, durchaus als bizarr, sagten aber, dass es sich genauso anfühlt. Das heißt, diese Klienten rekrutierten sich meistens nicht aus der Gruppe von Menschen mit einem spiritistischen Weltbild. Eher im Gegenteil. 

Das heißt, die existenzielle Erfahrung des Mit-sich-selber-uneins-Seins ist eine sehr abstrakte Beschreibung von im Einzelfall sehr unterschiedlichen seelischen Phänomenen. Sie alle mit einem undifferenzierten Teilemodell behandeln zu wollen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt und daher unverantwortlich. 

Systemische Verstrickungen 

Die Klasse der systemischen Verstrickungen und hier insbesondere die der transgene- rationalen Identifikation und die damit verbundenen Fremdgefühle stellen eine eigene Symptomklasse dar, für die es im NLP keine funktionierenden Formate gibt. Wie man damit arbeitet und welche differenzialdiagnostischen Zugangshinweise es für diese Symptomklasse gibt, siehe u. a.: Stresius, Castella, Grochowiak: NLP und das Familienstellen.  

Somato-psychische Probleme 

Des Weiteren gibt es die Klasse der somato-psychischen Probleme. Das sind Probleme, die sich psychisch auswirken, aber ihre eigentliche Ursache in körperlichen Störungen haben. Im Rahmen unserer Zusammenarbeit haben Detlef Arms und ich (Klaus Grochowiak) eine Methode entwickelt (Pentagnostik), in der wir körpertherapeutische, psychotherapeutische und energetische Vorgehensweisen kombinieren. 

Da die meisten Leser mit dieser Symptomklasse wahrscheinlich noch gar keine Erfahrungen haben, hier einige Beispiele: 

Steißbein und Psyche 

Mann, 39 Jahre, verheiratet, Bauernhof geerbt, den er teils selbst bewirtschaftet und teils verpachtet hat. Er sagte, dass er Konflikten eher aus dem Weg geht, selbst wenn er weiß, dass sie notwendig und sinnvoll sind. Sein mangelndes „Rückgrat“ konnte trotz der verschiedenen Familienaufstellungen und Einzelsitzungen nicht nachhaltig verändert werden. 

Behandlung: 

Bei dem Klienten war auf den ersten Blick schon deutlich zu sehen, dass er ein genitales Störfall im Bereich des siebten Halswirbels durch bindegewebige Aufquellungen hatte. Nachdem der Beckenschiefstand und die Beinlängendifferenz ausgeglichen waren, wurde sein Steißbein reponiert. Der Klient gab an, als Kind auf das Steißbein gefallen zu sein, was er noch heute plastisch vor Augen hatte. Sekunden nach dem Einrenken des Steißbeins kam es zu einer Reizüberflutung in der urogenitalen Versorgung des vegetativen Nervensystems. Dies zeigte sich darin, dass der Klient für 3 bis 4 Minuten „Feuerwerkskörper“ im Unterleib und den unteren Bauchorganen spürte. Um die Reizung schneller abklingen zu lassen, wurden die Reflexzonen mit einem speziellen Laser sediert. Danach stellte sich der Klient hin und sagte: „Jetzt fühle ich mich ganz anders!“. Sein jungenhafter Gesichtsausdruck war schlagartig verschwunden und er sah seinem Alter gemäß aus. Die Wirbelsäule hatte sich komplex aufgerichtet und verlieh ihm das Rückgrat, was er so noch nie gespürt hatte. 

Wir gingen dann die entsprechenden Konfliktsituationen in seiner internen Vorstellung durch, um zu testen, was sich verändert hatte. Es zeigte sich, dass keine weiteren psychotherapeutischen Interventionen nötig waren. Jede der Situationen konnte er jetzt ohne Anstrengung konfrontieren. Es schien fast so, als ob er sich kaum noch vorstellen konnte, dass diese Situationen noch vor kurzem Angst auslösend waren. 

Rückmeldung des Klienten: 

Der Klient berichtete uns einige Monate später, dass es ihm noch nie so leicht gefallen sei, Entscheidungen zu treffen und diese auch durchzustehen. 

Frau, 35 Jahre, verheiratet, 2 Kinder, kam wegen allgemeiner Angstzustände, der Tatsache, dass sie ihren Körper nicht fühlte und zu ihrem sexuellen Erleben keinen Zugang hat.

Darüber hinaus teilte sie uns mit, dass sie Landwirtschaft studiert habe, weil ihre Eltern einen Gutshof besitzen und sie ansonsten auch nicht wusste, was sie stattdessen machen sollte. Darüber hinaus war sie mit ihrer jetzigen Situation als Hausfrau und Mutter unzufrieden, wusste aber auch nicht, was sie eigentlich wollte. 

Die körperliche Seite der Ursache war schnell abgeklärt. Ein verdrehtes Kreuzbein/Steißbein löste die körperlichen Symptome der Angst („eingezogener Schwanz“) mit der auffälligen Beckenhaltung aus und beeinträchtigte die Körperhaltung. Das Becken der Klientin war auf eine sehr auffällige Weise nach hinten verschoben, so als wenn ein Kind auf die Toilette muss und dem Drang nicht nachgeben will. Der gesamte Bewegungsablauf der Frau war gehemmt und nicht flüssig. Die Körperhaltung war nicht mittig, ein Betrachter konnte schnell den Eindruck gewinnen, dass die Frau der kleinsten Stresssituation (unbewusste Bedrohung) nicht mehr standhalten könne. 

Direkt nach der Behandlung des Kreuzbein-Steißbein-Gelenkes spürte die Klientin ein ihr unbekanntes Körpergefühl im Bauchraum, welches sich vom Unterkörper zum Zwerchfell ausbreitete. Schon bei dieser Wahrnehmung ihrer ersten wirklich gespürten körperlichen Empfindungen fiel der Patientin ein Sturz auf den Po in den frühen Kinderjahren wieder ein. Dieser Sturz war in der Erinnerung so schmerzhaft und nachhaltig, dass die Klientin den Vorgang mit den damaligen körperlichen Symptomen und Schmerzen genauestens schildern konnte. 

Der Mann der Patientin hatte auch seit seiner Kindheit ein Steißbeinproblem. Zufall oder Gespür für den anderen und dessen unbewusste Ausstrahlung, als diese beiden sich kennen lernten? 

Psychotherapeutisch stellte sich heraus, dass sie sich seit der Geburt ihrer jüngeren Schwester (sie waren 4 Jahre auseinander) weniger geliebt fühlte als ihre jüngere Schwester. In dieser Zeit hat sie unbewusst die Entscheidung getroffen, nichts mehr zu spüren, da das, was sie spürte, zu unangenehm für sie war. 

Zusätzlich vermuteten wir, dass sie wieder einnässte, um die gleiche Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen wie das Baby, welches ihr den Platz in der Liebe ihrer Mutter streitig machte. Dadurch wurde der Unmut der Mutter noch größer, was ihren Glaubenssatz festigte: „Meine Mutter liebt mich nicht so sehr wie meine Schwester“. Um diese Missverständnisse herum hat sie ihr Weltbild konstruiert. 

In der Pubertät hat sie sich nur aus dem Grund mit Jungen eingelassen, weil die anderen Mädchen das auch machten, ohne die körperliche kinästhetische Referenz zu haben „ich bin verliebt“. Ihren ersten Sex hatte sie mit 25 Jahren. Bei dem Mann, den sie später heiratete, fehlte ihr die kinästhetische Referenz, ob sie ihn liebt und ob er sie liebt. 

Nachdem das Steißbein reponiert war und einige Fremdenergien aus ihrem Körper- und Energiesystem entfernt waren, entstand zum ersten Mal eine kinästhetische Referenz in Form eines warmen pulsierenden Gefühls in der Körpermittelachse. Dieses Gefühl stellte sich auch ein, als sie an ihren Mann und ihre beiden Kinder dachte. 

Die klitorale Testung 

Bei der Testung der klitoralen Nervenversorgungen findet eine direkte Überprüfung des Unterleibes durch die Patientin selbst oder durch ihren Partner statt. Die Idee für diese Testung bekam Detlef Arms während der Behandlung einer Patientin, geb. 1972, die angab, nach dem Sex mit ihrem Partner immer im Genitalbereich wie wund und gereizt zu sein. Nachdem die Patientin schon diverse gynäkologische Untersuchungen durchlaufen und Pilzkuren absolviert hatte, ohne jedoch einen offensichtlichen Befund zu erhalten, und die Beschwerden anhielten, erzählte mir (Detlef Arms) die Patientin, der Sex sei früher, vor der Beziehung zu ihrem jetzigen Partner, immer gut und befriedigend gewesen. Sie habe Sex mit ihren Partnern stundenlang erlebt und konnte nie wirklich genug davon bekommen. Erst seit sie mit ihrem jetzigen Partner (seit 9 Jahren) zusammen sei, seien in der Folgezeit diese Beschwerden aufgetreten. 

Beide waren wegen dieses Themas seit drei Jahren in einer Paartherapie, die allerdings keinerlei Verbesserung in dieser speziellen Problematik erbrachte. 

Ihre Beschwerden beschrieb die Patientin so, als spüre sie nach dem Sex ein Loch im Damm und in der Dammmuskulatur Richtung After. Die Schleimhäute der Genitalien fühlten sich an, als seien Risse im Gewebe. Dieses Gefühl stelle sich nach etwa zehn Minuten Geschlechtsverkehr ein und verschwinde nach einigen Tagen wieder. Es trete bei jedem Geschlechtsverkehr auf, und die Beschwerden anschließend nähmen ihr alle Lust auf den Sex. 

Ursachen: 

Die Patientin hatte schöne Zähne, die alle auf eine auffällige Art und Weise in einer Reihe standen. Das ganze Erscheinungsbild der Patientin war äußerst gepflegt, in Verbindung mit einer guten Figur. Die Patientin ist Kosmetikerin. Während der Behandlung testete ich die Genitalien über die Reflexzonen an den Füßen und stellte eine Störung fest. Die Ursache war nicht in einer Wirbelsäulen- oder Beckenblockade zu suchen. Der Test der Reflexzonen der Zähne ergab eine Belastung der vorderen Schneidezähne. Da die Zähne keine Anzeichen eines Störfeldes oder eine Auffälligkeit zeigten, fragte ich nach einer zurückliegenden Zahnregulierung durch eine Spange. Die Patienten bejahte dies. Als die Patientin ihren jetzigen Mann kennenlernte, war diese Therapie abgeschlossen. 

Die Sedierung der Zahnzone der Schneidezähne ergab eine sofortige Reizfreiheit der Genitalzonen im Bereich des Dammes. 

Der Test: 

Ich bat die Patientin, ihren Mann zur nächsten Behandlung mitzubringen. Dies nahm sie gerne auf, und bei der folgenden Behandlung konnte ich dem Mann die Vorgeschichte, die zu dieser Störung geführt hatte, anhand von Bildern und Tafeln bzgl. der Zähne, des Unterleibes und der Reflexzonen vermitteln. Er verstand, warum es zu diesen Beschwerden gekommen war. Da ich mir meiner Sache sehr sicher war, haben wir Folgendes vereinbart: Ich würde die rechte Seite des Unterleibes über die Reflexzonen des rechten Schneidezahnes entstören. Danach sollte der Mann bei seiner Partnerin klitoral testen, ob es zu einer Verbesserung gekommen sei. Ich würde für diesen Test das Behandlungszimmer verlassen. 

Das Erstaunen des Mannes war sichtlich groß, und als er mich nach etwa zwei Minuten wieder in den Raum rief, gab er an, so etwas noch nie erlebt zu haben, und berichtete, die Klitoris sei deutlicher tastbar, sogar für ihn, auf der rechten Seite angeschwollen und sexuell berührungsempfindlich, und zwar so weit und so reizbar, wie er es bei seiner Frau noch nie erlebt hatte. 

Die linke Seite der Klitoris wurde sofort in Anschluss über die Reflexzonen des linken Schneidezahnes sediert. Nachdem ich drei Minuten später wieder den Raum betrat, sah ich eine Frau mit hochrotem Kopf und einen Mann, der sichtlich fassungslos diesen Prozess nicht einordnen konnte. Beide bestätigten mir, dass es, nachdem beide Zahnzonen sediert waren, zu einer unglaublichen Reizempfindung an der Klitoris der Frau gekommen sei. Die Klitoris war innerhalb der kurzen Zeit der Sedierung (Dauer ein bis zwei Minuten) so stark angeschwollen, wie beide es nie in ihrer Sexualität erlebt hatten. 

Die Frau gab an, dass sie diesen Zustand in der Vergangenheit schon kannte, aber leider nie mit den Zahnregulierungen in Verbindung gebracht hatte (wie auch?). Und auch die Paartherapeutin kannte diese Symptomklasse offensichtlich nicht und ging daher von einer psychischen Ursache bei der Frau bzw. der Beziehung zwischen den beiden aus. Diese Fehleinschätzung wurde noch dadurch verstärkt, dass der Gynäkologe keine körperlichen Ursachen finden konnte. 

Das bedeutet, nur weil es keine körperlichen Ursachen im Genitalbereich gab, heißt das nicht, dass es gar keine körperlichen Ursachen gibt. Da die Wirkung von Störfeldern z. B. im Zahn-Kieferbereich sowohl vielen Ärzten als auch Psychotherapeuten unbekannt ist, wird ein negativer Befund des Gynäkologen gleichgesetzt mit der Diagnose „Es gibt keine körperlichen Ursachen, also können es nur psychische Ursachen sein.“ 

Eine falsche Differenzialdiagnose führt unvermeidlich dazu, dass man an der falschen „Stelle“ arbeitet. 

Einige Zeit nach der Entfernung dieses Störfeldes durch eine minimal-invasive Zahnoperation brachte die Patientin den Sohn ohne Komplikationen, Dammriss oder Kaiserschnitt zur Welt. 

Energetische Störungen 

In meiner (Klaus Grochowiak) Arbeit wurde mir in den letzten Jahren immer deutlicher, dass es auch genuin energetische Störungen gibt. Übernahme von fremden Energiekörpern, Beeinträchtigung durch projizierte Energien von anderen und vieles mehr. Wie man mit dieser Symptomklasse arbeiten kann, lässt sich u. a. in dem Buch von Keith A. Sherwood „Chakras und Karma, Chakra-Arbeit zur Karma-Auflösung“ nachlesen. 

Reinkarnationstherapie 

Wie viele NLPler bestätigen können, ist es gar nicht so selten, dass Klienten beim Time- Line-Reimprint durch ihren Suchanker über ihre Geburt hinaus in früheren Leben landen. Wie man damit umgeht und vor allem wie man die meist übergeneralisierten Entscheidungen im Bardo (zwischen den Leben) bearbeiten kann, kann zwar leicht in die gängigen NLP-Vorgehensweisen integriert werden, allerdings gibt es im NLP keine Zugangshinweise, die es dem Therapeuten gestatten abzuklären, ob das jeweilige Problem sinnvollerweise überhaupt im Rahmen der diesmaligen Lebenserfahrungen thematisiert und gelöst werden kann. Egal ob man das Reinkarnationskonzept „glaubt“ oder nicht, es hat sich bei vielen Klienten gezeigt, dass bestimmte Symptome, die sie schon seit Jahren spürten und mit unterschiedlichen Methoden bearbeitet hatten, erst verschwanden, als sie ihre „Ursache“ in einem früheren Leben erkannt und bearbeitet hatten. 

Wir unterscheiden also vorläufig folgende Symptomklassen: 

  1. 1. Stimulus-Response-Kopplungen (Anker) 
  2. 2. Ineffektive Strategien 
  3. 3. Bedeutungsprobleme 
  4. 4. Traumata 
  5. 5. Teil erwachsen werden lassen 
  6. 6. Fremdteile 
  7. 7. Besetzungen 
  8. 8. Systemische Verstrickungen 
  9. 9. Somato-psychische Probleme 
  10. 10. Energetische Probleme 
  11. 11. Reinkarnationsprobleme 

Diese elf Symptomklassen können als Meta-Schema für die kognitiven Schemata betrachtet werden, die ich in jeder einzelnen Symptomklasse benutze.

Was sind Metaprogramme? 

Die Frage: „Was sind Meta-Programme?“ können wir in drei Fragen aufteilen: 

• Was ist ein Meta-Programm?
• Gibt es Meta-Programme?
• Wie viele Meta-Programme gibt es? 

Meta-Programme kommen in unserem subjektiven Erleben nicht vor. Sie sind für uns nicht in der gleichen Weise erlebbar wie z. B. die Repräsentations-Systeme, Strategien oder Anker. Sie sind allerdings auch nicht im äußeren Verhalten direkt beobachtbar wie etwa die Augenzugangshinweise. Sie sind der Versuch, das beobachtbare Verhalten zu kategorisieren, und zwar so, dass es möglich wird, einen Bereich wie z. B. Motivation so aufzuteilen, dass jedes Verhalten, dass man überhaupt zu dieser Domäne rechnen kann, entweder in die eine oder die andere Kategorie (hin zu – weg von) fällt. Was wir beobachten können, sind Muster, Regelmäßigkeiten, Wiederholungen. Diese sind allerdings nicht alle das Produkt von einem speziellen Programm, welches die Aufgabe hat, diese Art von Regelmäßigkeit hervorzurufen. So ist z. B. bei vielen Menschen feststellbar, dass sie eher nachts oder eher tagsüber arbeiten. Dies mag bei einigen etwas mit ihrer Veranlagung zu tun haben, bei anderen aber eher mit ihrem Job, sie sind vielleicht Kellner in einer Nacht-Bar. Und diese Muster sind außerdem vom Kontext abhängig und verändern sich mit dem Alter oder den Lebensumständen. 

Welche Regelmäßigkeiten, welche Muster kommen nun also für Meta-Programme in Frage? 

Die Frage „wie viele Meta-Programme“ es gibt, lässt sich leicht beantworten: So viele, wie jemand sinnvolle kategoriale Unterscheidungen für das menschliche Verhalten einführen kann. 

Meta-Programme sind in diesem Sinne also Beobachterkategorien. D. h. sie dienen dem Beobachter dazu, sich in der Vielfalt des menschlichen Verhaltens orientieren zu können. Ähnlich wie die klassische Unterteilung in Sanguiniker, Phlegmatiker, Melancholiker und Choleriker. 

Beobachtung und Unterscheidung 

Wie bereits in der Second Order Cybernetics gezeigt wurde, wird jede Beobachtung nur durch die Nutzung einer Unterscheidung möglich. Jede Beobachtung beobachtet etwas und nicht alles auf einmal. Damit wird das Thematische von seinem Hintergrund getrennt. Gleichzeitig wird das Thematische mit einer bestimmten begrifflichen Unterscheidung thematisiert; z. B. System/Umwelt, Subjekt/Objekt, wahr/falsch, gerecht/ungerecht, legal/illegal, krank/gesund, normal/deviant usw. Diese begriffliche Unterscheidung ist in der jeweiligen Beobachtung vorausgesetzt und als solche der blinde Fleck der jeweiligen Beobachtung. Dieser kann allerdings durch eine zweite Beobachtung beobachtet werden. 

In diesem Sinne sind Meta-Programme eine Art, menschliches Verhalten zu beobachten und gleichzeitig eine Art zu beobachten, wie der Beobachtete in einer bestimmten Situation beobachtet. Achtet er z. B. mehr auf Unterschiede oder mehr auf Gleichheit, achtet er mehr auf die Bedürfnisse der anderen oder mehr auf seine eigenen? 

Ein Satz wie: „Was muss ich machen, um genauso gut in NLP zu werden wie du?“, kann natürlich unter Meta-Programm-Gesichtspunkten analysiert werden. Wir können dann feststellen, dass der Fragende eine externe Referenz nutzt, dass er nach Notwendigkeit (was muss ich machen) sortiert und nach Gleichheit (genauso gut) fragt. Diese Meta- Programm-Sequenz können wir in unserer Antwort pacen oder mismatchen oder teilweise pacen, um dann zu leaden, usw. 

Wir könnten auch darauf achten, ob diese Frage relativ zu ihren Parabotschaften kongruent oder inkongruent gestellt ist. 

Wir könnten aber auch mit dem Vier-Ohren-Modell nach der Sacheben, der Beziehungsebene, der Selbstoffenbahrung und dem Appell fragen. 

Im Rahmen der Transaktionsanalyse könnten wir uns aber auch fragen, ob diese Frage nicht die Eröffnung eines Aufmerksamkeitsspiels ist. 

In diesem Sinne können wir sagen, dass jede Beobachtung ihr Objekt der Beobachtung erst durch eine Unterscheidung konstituiert. D. h. auch, dass jede Beobachtung einer Beobachtung eine Dekonstruktion bzw. ein Deframing darstellt. Es werden die Bedingungen dekonstruiert, unter denen diese Beobachtung konstruiert wurde. Dabei darf nicht vergessen werden, dass jede Dekonstruktion natürlich selbst eine Konstruktion ist und als solche für weitere Dekonstruktionen zur Verfügung steht. 

Jede Unterscheidung produziert, wie wir gesehen haben, ein Innen und ein Außen der Unterscheidung. Z. B. können wir Verhalten unter dem Gesichtspunkt kongruent/inkongruent beobachten. Alles, was weder kongruent noch inkongruent ist, ist damit außerhalb unseres frames of reference. Außerhalb dieser Unterscheidung könnten z. B. Unterscheidungen wie effektiv/ineffektiv, freundlich/unfreundlich usw. eine Rolle spielen. Aber die Einheit von Innen und Außen kann selbst nicht mit den Unterscheidungen innerhalb der Unterscheidung thematisiert werden. Es macht keinen Sinn zu fragen, ob die Einheit selbst kongruent bzw. inkongruent ist. Wir können aber jede Unterscheidung auch auf sich selbst anwenden. Es macht durchaus Sinn, von einem kongruent inkongruenten Verhalten zu sprechen, z. B. bei der Ironie. Oder wir können inkongruent inkongruent sein, etwa bei einer Parodie. Verhalten wir uns dann kongruent oder inkongruent? Ober wenn wir das Meta-Programm Referenzrahmen nutzen, können wir das Verhalten von jemandem so beobachten, dass wir sagen: „Er nutzt externe Referenz, um sich für einen Kauf zu entscheiden.“ Wir können aber auch fragen, welche interne Referenz er genutzt hat, um gerade diese externe Referenz zu nutzen. 

Welche Unterscheidungen wir nutzen, wenn wir einen neuen frame of reference eröffnen, bleibt der Autonomie des Beobachters überlassen. Jeder Beobachter muss 

erklären, warum er wen mit welcher Absicht gerade mit den Unterscheidungen beobachtet, die er tatsächlich nutzt, da diese sich eben nicht mehr von selbst verstehen. Viele Leser würden sich wahrscheinlich von der theologischen Unterscheidung fromm/unfromm nicht angemessen beobachtet fühlen, da sie diese Unterscheidung als Ganze zurückweisen würden. 

Der Beobachter eines Beobachters sieht, was dieser sieht und wie er es sieht. Er kann aber auch sehen, was dieser gerade nicht sieht. Und er kann sehen, dass der andere nicht sieht, was er nicht sieht. Er kann mit anderen Worten den blinden Fleck des Beobachters ent-decken. Und dies ist die Legitimation für moderne Therapeuten. Sie können ihm helfen, die Probleme, die gerade durch die Struktur seines blinden Flecks entstanden sind, zu ent-decken und so mögliche Reframes im weitesten Sinne des Wortes eröffnen. Allerdings liegen jenseits der Unterscheidungen, die für den Klienten Leid produzieren, viele andere mögliche Unterscheidungen, und je nach dem zu welcher Art von Therapeut man geht, wird dieser auf sehr unterschiedliche Art zu einem Beobachter zweiter Ordnung. Und es ist nie auszuschließen, dass der Klient die Art und Weise, wie er von seinem Therapeuten beobachtet wird, wiederum beobachtet und diesen auf seinen blinden Fleck aufmerksam macht. 

Gibt es Meta-Programme? 

Die Frage, ob es Meta-Programme gibt, ist also als Frage nach dem Status dieser Unterscheidungen zu verstehen. Beschreiben sie etwas, was es bei den Individuen im Inneren „wirklich“ gibt, oder sind sie rein äußerliche Unterscheidungen? 

Diese Frage will ich anhand einiger Situationen aus der alltäglichen Praxis verdeutlichen. Wenn gesagt wird, dass die Meta-Programme unbewusste Dispositionen, Filter oder Sorts oder gar „building blocks of personality“ sind, dann wird natürlich so getan, als ob sie ein unbewusstes Programm sind, also ein Teil der „Software“ des Individuums. Vielleicht wie ein Compiler-Programm, welches auf der Bildschirmoberfläche vom Benutzer nie wahrgenommen wird, was aber im Hintergrund trotzdem ständig aktiv ist. Und was sozusagen tief unbewusst ist, d. h. nur für den Experten zugänglich bzw. erkennbar und veränderbar ist. 

Im Gegensatz dazu können wir die Meta-Programme auch als äußerliche Klassifizierungen betrachten, die wenig mit der inneren Organisation des subjektiven Erlebens zu tun haben. 

Wenn z. B. die Meta-Programme zur Vorhersage des menschlichen Verhaltens dienen sollen, aber gleichzeitig kontextabhängig sind, dann ist das so, als ob man sagt: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“ 

Oder man bräuchte Meta-Meta-Programme, die bestimmen, wann jemand ein bestimmtes Meta-Programm wie benutzt. 

Was bedeutet es, dass z. B. das Meta-Programm Primary Interest Sort statistisch nicht nachgewiesen werden kann? (vgl. Grochowiak, Das NLP-Master-Handbuch, S. 200 ff.) 

Natürlich muss jedes Verhalten und jedes Erleben in uns irgendwie zustande kommen, aber heißt das, dass wir dafür ein Programm haben? 

Diese Frage erinnert an die alte Debatte über den Begriff der „Fähigkeit“ in der Psychologie. Bekommen wir automatisch eine neue Fähigkeit, wenn jemand unser Verhalten neu kategorisiert? Haben wir z. B. die Fähigkeit der Andacht oder Frömmigkeit, auch wenn es in unserer Sprache die Worte gar nicht gibt? Oder sind diese Bezeichnungen eher mögliche Klassifikationen des seelischen Erlebens, denen aber weder eine Fähigkeit noch ein Programm entspricht? 

Wir können Frömmigkeit z. B. auch als eine emergente Eigenschaft des psychischen Apparats oder des Nervensystems auffassen. 

Die Frage, ob es so etwas wie Meta-Programme gibt, ist also vergleichbar mit der Frage, ob es Schizophrenie gibt. Bisher wurde von Seiten des NLP immer argumentiert, dass Ausdrücke wie Schizophrenie oder Depression eine Nominalisierung darstellen, die aus einem Klassifikationsbegriff ein „Etwas“ macht, was auch unabhängig von diesem Begriff eine Realität hat. Wie z. B. eine Blinddarmentzündung; diese könnten wir auch anders nennen, aber das würde an der Realität auf der Ebene des Gewebes nichts ändern. Wenn wir aber den Ausdruck „er hat Schizophrenie“ ähnlich verstehen, wie „er hat eine Lungenentzündung“ dann macht es natürlich Sinn, nach genetischen oder stoffwechselmäßigen Ursachen zu fanden. 

Handelt es sich allerdings um ein dormative principle, dann haben wir solche Konstruktionen im NLP bisher immer für entbehrlich gehalten. 

So gesehen stellt sich die Frage, ob das Konzept der Meta-Programme in das konzeptionelle Framework des NLP überhaupt integrierbar ist. Oder ist es nicht vielmehr ein sehr unübersichtliches Klassifikations-Sammelsurium ohne einen vereinheitlichenden Gesichtspunkt? 

Von einem vereinheitlichenden Gesichtspunkt könnten wir z. B. bei den 12 Tierkreiszeichen in der Astrologie, den verschiedenen Hirnstrukturen im Struktogramm oder im Hemisphären-Dominanz-Modell sprechen. 

Andererseits ist klar, dass all diese Unterscheidungen Beobachtungen ermöglichen, die dann wiederum zu einem Verhalten führen können, welches sinnvoll, aber ohne die Unterscheidungen nicht möglich gewesen wäre. Z. B das Pacen von Meta-Programmen in Fragen, bzw. das Pacen von Meta-Programmen beim Geben von Arbeitsanweisungen usw. Diese Unterscheidungen können also dazu dienen, unser kommunikatives Verhalten genauer zu kalibrieren. Sie können uns aber auch dazu verhelfen, uns selbst zu beobachten, wo wir in unseren Wahrnehmungen und unserem Erleben und Entscheiden Einseitigkeiten wahrnehmen können, um diese dann bei Bedarf korrigieren zu können. 

Diese Sicht der Meta-Programme scheint mir sinnvoller als so zu tun, als ob wir mit dieser Konzeption eine Tiefendimension des seelischen Geschehens entdeckt hätten, vergleichbar mit dem Unbewussten. 

Meta-Programme scheinen mir Beobachterkategorien zu sein im Gegensatz zu Systemkategorien. Sie sagen mehr über den Beobachter aus als über das beobachtete System. 

Ähnlich wie der Begriff des Zwecks in der Biologie eine Beobachterkategorie und nicht eine Systemkategorie darstellt. Zu sagen, dass ein Weibchen einen bestimmten Duftstoff absondert, „damit“ das Männchen angelockt wird, unterstellt dem evolutionären Geschehen eine Zweckhaftigkeit, die auf der Ebene von spontaner Mutation und Selektion nicht anzutreffen ist. 

Oder die Vorstellung der Informationsübertragung in der menschlichen Kommunikation tut so, als ob die Schallwellen irgendwie noch „Informationen“ transportieren würden. Tatsächlich ist es aber so, dass die Schallwellen das Trommelfell perpetuieren und dann im Inneren des Hörers Bedeutung entsteht. Die Formulierung: „Er hat sie gut informiert“ ist ebenfalls in diesem Sinne eine Beobachterkategorie und nicht eine Systemkategorie. Und obwohl die Idee der strukturellen Kopplung autopoietischer Systeme seit den 70er- Jahren im Gespräch ist, werden wir wohl bis auf Weiteres dabei bleiben, Kommunikationsprozesse mithilfe von Beobachterkategorien zu beschreiben. 

Beobachterkategorien sind also etwas völlig Legitimes und Unentbehrliches, es ist nur wichtig, dass man als Kommunikations-Profi weiß, was man tut, wenn man solche Konzepte benutzt. 

Mit Korzybski könnten wir sagen nicht nur sagen: „The map is not the territory“, wir müssen auch mit ihm darauf bestehen, dass wir wissen, auf welchem Abstraktionsniveau wir uns gerade befinden. 

Meta-Programme als Reflexionsbestimmungen

Wie haben die Meta-Programme bisher als Beobachterkategorien bestimmt. Wir können den genauen Charakter dieser Kategorien noch näher bestimmen, indem wir sie als Reflexionsbestimmungen oder Reflexionsbegriffe auffassen. Reflexionsbestimmungen haben als Gegensatz den Begriff der Seinsbestimmungen oder einfacher gesagt der Eigenschaftsbegriffe. 

Reflexionsbegriffe sind solche, die wir als Beobachter an das zu beobachtende Objekt bzw. einen Sachverhalt herantragen, sie sind also im weitesten Sinne von dem Standpunkt abhängig, von dem aus der Beobachter beschreibt. Im Gegensatz dazu sind Seinsbestimmungen solche, die eine tatsächliche Eigenschaft bestimmen. So kann man von einem Menschen z. B. sagen, dass er 1,70 m groß ist. Diese Behauptung kann entweder wahr oder falsch sein. Man kann über denselben Menschen auch sagen, dass er attraktiv ist. Allerdings sagt diese Bestimmung etwas über den aus, der diesen 

Menschen als attraktiv empfindet. Daher macht es auch keinen Sinn zu fragen, ob diese Behauptung wahr ist. Jeder andere kann mit gleichem Recht das Gegenteil behaupten. 

Den besonderen Charakter, dass in der Ansetzung des Begriffs sich die Position des Setzenden widerspiegelt, hat Hegel treffend in der Unterscheidung von Reflexionsbestimmungen und Seinsbestimmungen festgehalten. Ob ich etwas als einen Baum identifiziere, ist von meinem Standpunkt vollkommen unabhängig, ob ich ihn allerdings als groß oder klein, schön oder hässlich, nah oder fern bestimme, nicht. 

Reflexionsbestimmungen also tragen aufgrund ihrer Standpunktvarianz immer ein relatives Moment in sich, ja sie lassen sich generell als Prädikationen begreifen, die implizit immer ihr eigenes Gegenteil transportieren, die sich sinnvoll nur aussagen lassen auf dem Hintergrund ihrer eigenen Negation: Was „groß“ ist, kann ich nur so benennen, wenn ich weiß, was „klein“ bedeutet, usw. D. h., der Sinn und Gehalt eines Reflexionsbegriffes verdankt sich per se der Doppelung von Position und Negation, genauer, er erwächst nicht in der Identität des Begriffs, sondern in der Differenz des Begriffs zu sich selbst. Begriffsbestimmend wird hier die Unterscheidung und der Unterschied, der positive Sinn knüpft sich an das höchst schwierig zu fassende Ereignis der Differenzierung, an die nicht mehr positiv zu beschreibende difference (Derrida), und die „Information lässt sich definieren als ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ (Bateson). 

In diesem Zusammenhang möchte ich kurz an einige Bemerkungen von Bateson erinnern. Er schreibt bekanntlich, dass Adjektive, wie „ehrlich“, „freundlich“, „launisch“ usw. eher etwas über denjenigen aussagen, der diese Charakterisierung ausspricht, als über den Charakterisierten. 

Reflexionsbegriffe bestimmen immer eine Differenz (intern-extern, Überblick-Detail usw.), die der Beobachter braucht, um überhaupt etwas beobachten zu können, und sie sind in diesem Sinne natürlich auch ein Wahrnehmungsfilter, der dafür sorgt, dass wir auf vieles nicht achten, weil es außerhalb der jeweiligen Differenz liegt. 

Aber mehr noch, um einen Reflexionsbegriff in seiner ganzen Operativität nutzen zu können, müssen wir streng genommen immer die inverse Beschreibung mitliefern. 

Beispiel: Klaus will sich eine Stereoanlage kaufen und fragt einen Freund, der ein Experte für HI-FI Anlagen ist, welche er ihm empfehlen würde, wenn er nicht mehr als 10.000 € ausgeben möchte. 

Jeder geübte NLP’ler würde hier davon sprechen, dass Klaus eine externe Referenz genutzt hat. Gleichzeitig könnte man ihn aber auch fragen, warum er gerade diesen Menschen als externe Referenz genutzt hat. Er würde vielleicht äußern, dass er ihn für besonders glaubwürdig und unabhängig hält. Dann hat er aber eine interne Referenz genutzt, um seine externe Referenz auszuwählen. 

Wenn dieser Freund ihm nun vier verschiedene Anlagen vorschlägt und er dann nach seiner internen ästhetischen Referenz eine davon aussucht, dann stellt sich die Reihenfolge der Meta-Programme wie folgt dar: 

Interne Referenz  externe Referenz  interne Referenz 

Es scheint also eine Frage der Interpunktion – wo setzte ich den Anfang meiner Beobachtung – zu sein, ob ich hier von der Nutzung interner oder externer Referenz spreche. 

Oder nehmen wir das Beispiel Motivation. Wir fragen jemand, was ihm bei seiner Berufswahl besonders wichtig ist, und er antwortet: „Ich will viel Geld verdienen.“ Dies sieht doch sehr nach einer Hin-zu-Motivation aus. Frage ich ihn jetzt weiter, warum ihm viel Geld zu verdienen so wichtig ist, dann antwortet er: „Ich komme aus einer sehr armen Familie, und bei uns gab es ständig Streit und Probleme wegen Geld. Ich will das auf gar keinen Fall noch mal erleben.“ 

Nun, das klingt sehr nach weg-von. Das gleiche könnten wir ganz leicht beim umgekehrten Fall machen. 

Es ist daher eine gute Übung, die Teilnehmer eines NLP-Kurses zu bitten, diese Übung bei jedem beliebigen Meta-Programm zu wiederholen. 

Stellen wir uns vor, jemand ist irgendwo zu Besuch. Es gibt Erdbeerkuchen. Jeder hatte schon ein Stück und eines ist noch übrig. Unser Klient hat Appetit auf dieses Stück und nimmt es sich kommentarlos. Wir könnten dies so beobachten, dass er das Meta- Programm „sorting-by-self“ genutzt hat. Er hätte auch fragen können, ob noch jemand anders Appetit hat, und wenn ja wäre er bereit gewesen, es dieser Person zu überlassen. Wir würden dann von „sorting-by-others“ sprechen. 

Wir könnten ihn aber auch fragen, ob er sich genauso verhalten hätte, wenn er bei seinem zukünftigen Chef zu Besuch gewesen wäre. Würde er dann sagen: „Nein, auf keinen Fall.“ Dann hängt sein „sorting-by-self“ offensichtlich davon ab, dass er als erstes „sorting-by-others“ genutzt hat. 

Ein anderer Beobachter würde vielleicht von vornherein das Zugreifen als einen Ausdruck seiner Einschätzung von Statusaspekten beobachten. Und niemand kann sich dagegen wehren, auf eine bestimmte Art und Weise von jemand beobachtet zu werden; allerdings kann jeder die Art und Weise wie er beobachtet wird, selbst beobachten und sich als angemessen oder unangemessen beobachtet fühlen. 

Ein Exorzist beobachtet z. B. das Verhalten eines Menschen unter der Differenz besessen – nicht besessen. Diese Differenz würden heutzutage die meisten Menschen in Europa ablehnen. 

Aus all dem ergibt sich, dass wir für die Begründung der Nutzung eines Reflexionsbegriffs implizit immer schon ein weiteres Begriffspaar nutzen, nämlich relevant-irrelevant. 

Was wir aber für relevant halten, kann jemand anderes mit guten Gründen für irrelevant halten. So nutzt z. B. Steve deShazer die Frage nach Ausnahmen vom 

Symptomverhalten als zentrale Beobachtungskategorie und versucht auch seine Klienten dazu zu bringen, auf diese Ausnahmen zu fokussieren und mehr davon zu machen. Dafür hält er die Glaubenssätze u. Ä. für irrelevant. Im NLP ist es genau umgekehrt. 

Nichts ist an sich relevant oder irrelevant, es hängt von unseren theoretischen und praktischen Vorüberlegungen ab, ob wir etwas für relevant halten oder nicht. 

Damit eröffnet sich aber sofort ein neues reflexionales Feld, nämlich das von Grund und Begründetem. Auf die Frage: „Warum nutzt du gerade diese Beobachtungskategorie?“, gibt jede Therapierichtung ihre jeweiligen Gründe an. Diese können aber selbst mit gutem Grund befragt werden, welche Gründe es gibt, gerade diese Kriterien zu nutzen und nicht andere. So wird der Grund selbst wieder zu etwas Begründetem. 

Und der Verweis, dass sich diese Vorgehensweise praktisch bewährt hat, kann aber von vielen anderen Methoden mit gleichem Recht behauptet werden, die ganz andere Beobachtungskategorien nutzen. 

Grund und Begründetes stehen also, wie alle Reflexionsbegriffe, in einem gegenseitigen Begründungsverhältnis. Auch hierauf hat bereits Bateson hingewiesen. 

Stellen wir uns ein Ehepaar vor. Der Mann ist mit der Beziehung unzufrieden, weil seine Frau nicht mehr so oft Lust auf Sex hat wie früher. Sie sagt, dass sie nicht mehr so viel Lust hat, weil sie spürt, dass ihr Mann unzufrieden ist, und sich dementsprechend verhält. Was ist Ursache und was ist Wirkung? Was begründet was?

Die Thematisierung der Meta-Programme als Reflexionsbestimmungen hat auch den Vorteil, dass wir den so Beschriebenen nicht in eine Schublade stecken, sondern ihm neue Wahlmöglichkeiten für die Selbstbeobachtung eröffnen. 

Und gleichzeitig verhindern wir damit, dass wir diese Begriffe verdinglichen. Wie können diese Operation auch als eine Form der Entnominalisierung betrachten und stehen damit in der guten Tradition des NLP, Prozesse als Prozesse zu beschreiben. 

Klaus Grochowiak 

(Juli 2011) 

Daseinsanalyse und NLP

In seiner berühmten Daseinsanalyse in Sein und Zeit hat Martin Heidegger die Sorge als das zentrale Existential des menschlichen Daseins bestimmt. Mit Sorge meint er nicht Sorge im Sinne von Bekümmertsein sondern sich kümmern um sich selbst. 

Und dieses sich kümmern um sich selbst bedeutet bei uns Menschen immer gleichzeitig einen Entwurf von sich selbst zu haben. Das heißt ein Zukunftsbild. 

Auch in der Neurophysiologie wird die menschliche Fähigkeit sich bewusst auf Vergangenheit und Zukunft beziehen zu können als eine der wichtigsten Neuentwicklungen des menschlichen Gehirns relativ zu Primatengehirnen bestimmt. Und auch im NLP ist sowohl die Zielorientierung im therapeutischen Prozess als auch die Arbeit mit der Timeline vorwiegend auf Vergangenheit und Zukunft bezogen. Die Gegenwart, das Jetzt, spielt in der Timeline Arbeit, aber auch im normalen Coaching Prozess, eher eine untergeordnete Rolle. 

Die Wahrheit ist aber unser Leben findet immer nur im Jetzt statt – auch wenn wir uns erinnern, erinnern wir uns Jetzt. Und das woran wir uns erinnern war damals Jetzt. Und das gleiche gilt für alle Zukunftsentwürfe. Wir machen den Entwurf jetzt, und falls der irgendwann mal Realität werden sollte, kann das nur im Jetzt passieren. 

Insofern wurde das Jetzt sowohl in der Philosophie wie auch in der Psychotherapie eher stiefmütterlich behandelt. 

Anders in vielen spirituellen Traditionen, in denen das Leben im Hier und Jetzt eine viel zentralere Rolle spielt. Allerdings manchmal mit der Übertreibung als wenn die Beschäftigung mit der Vergangenheit oder der Zukunft völlig überflüssig wäre. Beide Einseitigkeiten können in einem spirituell orientierten NLP überwunden werden. Wie dies im Einzelnen praktisch zu gestalten ist wird sowohl im neuen NLP Practitioner als auch im NLP Master einen wichtigen Platz einnehmen. Dazu gehört auch, dass der Bewusstseinsraum als Bewusstseinsraum thematisch Eingang findet in die konzeptuelle Arbeit. Bisher können immer nur NLP und alle anderen psychotherapeutischen Verfahren als eine Art Innenarchitektur des Bewusstseinsraum bezeichnet werden. 

Wir beschäftigen uns mit inneren Bildern, Körpergefühlen, inneren Stimmen und den Submodalitäten dieser Repräsentation. Aber nicht mit der Bedingung der Möglichkeit dieser Repräsentation, nämlich dem Bewusstseinsraum und dem Gewahrsein, oder dem was Heidegger die Lichtung des Seins genannt hat, als solchem. 

Auf der Ebene der Submodalitäten stellt sich die Frage wie der virtuelle Raum, in dem wir z.B. unsere inneren Bilder sehen, wahrzunehmen ist, ohne diese inneren Bilder, bzw. ohne inneren Dialog (Gedanken). Und wenn die inneren Stimmen und Bilder aufhören bedeutet das eben nicht, dass wir bewusstlos werden, sondern das sich unsere Bewusstheit auf sich selbst bezieht und eben nicht auf irgendwelche Inhalte. Das dies leichter gesagt als getan ist, weiß jeder, der sich schon mal mit Meditation beschäftigt hat. Unseren Verstand zur Ruhe zu bringen ist ungefähr so, wie einen Sack Flöhe hüten. Aber Gott sei Dank gibt es verschieden Techniken wie z.B. Hypnose, auch Selbsthypnose, die es uns leichter machen können den Zustand bewusster Leere herzustellen und einzunehmen. 

Und wie mit jedem anderen Bewusstseinszustand auch ist es eine Übungsfrage wie leicht oder schwer es uns fällt in den Bewusstseinszustand zu kommen oder längere Zeit in diesem Bewusstseinszustand zu bleiben. 

Wobei das Wort Zeit im vorigen Satz schon missverständlich ist. Weil in diesem Zustand selbst kann man gar nicht merken wie lang man drin war oder nicht, weil es niemanden gab, der es beobachten konnte. D.h. die Selbstvergessenheit ist ein Zustand, der sich dadurch auszeichnet, dass man nicht gleichzeitig darauf reflektiert, was man in diesem Zustand gleichzeitig ist – oder im Zen würde man sagen, es ist Keiner zuhause. 

Wenn man nicht mit Hypnose arbeiten möchte, kann man sich auch vorstellen, dass man die Submodalitäten eines inneren Bildes immer heller und heller oder immer dunkler und dunkler macht bis nichts mehr zu erkennen ist. In einigen Meditationsschulen spricht man auch vom schwarzen Spiegel, indem sich eben nichts spiegelt. Weder Eindrücke von außen, noch innere Vorstellungen, was übrigbleibt ist reine Bewusstheit. Ohne ein reflektierendes ICH was darauf reflektiert, dass es gerade keine bewussten Inhalte hat. Da diese Reflektion wieder einen Inhalt hätte. 

Das größte Problem bei diesem Leerwerden besteht darin, dass für unseren Beobachter der Zustand dass nichts zu beobachten ist schier unerträglich ist. Und er darum in diesem Prozess ständig hineingrätscht. Allerdings kann man mit diesem inneren Beobachter arbeiten wie mit jedem anderen Teil in NLP auch. Man kann seine positive Absicht klären, man kann mit ihm Vereinbarungen treffen und man kann mit seinen Ängsten und Bedenken arbeiten. 

Die Frage, die sich jetzt stellt ist ‚Was habe ich davon ganz im Hier und Jetzt zu sein? 

Die einfache Antwort lautet: ein sorgloses Dasein. Und damit ist nicht gemeint, dass es keine Herausforderungen im Hier und Jetzt gibt, sondern dass sich Sorgen im Sinne von Bekümmertsein, Angst haben, aber auch ein schlechtes Gewissen haben, Zustände sind, die notwendigerweise voraussetzen, dass wir mit unserem Bewusstsein entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit sind. D.h. die Freude am Dasein vermiesen wir uns selber vorwiegend dadurch, dass wir eben nicht ganz im Hier und Jetzt sind. Und unser Verstand gibt uns tausend gute Gründe warum wir eben gerade jetzt nicht im Hier und Jetzt sein sollten sondern woanders. Diese unangenehme Angewohnheit unseres Denkapparates kann man sich im Prinzip genauso abgewöhnen wie jede andere unangenehme Eigenart. Allerdings etwas schwerer, da es eben nicht irgendeine Angewohnheit ist, wie z.B. bei Stress an den Nägel zu kauen, oder bei Einsamkeitsgefühlen zu viele Süßigkeiten zu essen sondern es ist die Daseinsgrundbefindlichkeit des Menschen seit Tausenden von Jahren. Zeugnisse aus allen Hochkulturen zeigen und in ihnen ihre erleuchtetsten Repräsentanten wie Buddha oder Jesus, dass diese Daseinsgrundbefindlichkeit schon von diesen Weisheitslehrern als das Haupthindernis für ein erfülltes Leben gesehen wurde. Die Einsicht ist also nicht neu, sondern immer wieder neu – so lange bis die Menschheit diese einfach Lektion gelernt haben wird. Und bisher waren die einzigen Werkzeuge, die dafür zur Verfügung standen Meditation und Gebet. Wir können uns aber die Werkzeuge des NLP zu nutzen machen um uns, sofern wir das wollen, auf diesem Weg zu unterstützen. Und die Kirsche auf der Sahnetorte ist eben nicht nur ein sorgloses Dasein, sondern ein kreatives Dasein. D.h. Kreativität entspringt dem Bewusstseinszustand im Hier und Jetzt zu sein, wie alle wirklich kreativen Menschen in ihren Selbstzeugnissen immer wieder bestätigt haben. Und in letzter Zeit hat sich dafür der Ausdruck ‚im Flow sein’ eingebürgert. 

Klaus Grochowiak 9.12.2016 

Der Wert als Fetisch 

Nichts hat einen Wert, außer wir vergeben einen. 

Die Welt ist wie sie ist und wird durch ihre Bewertung nicht anders. Erst als sich in diesem Universum eine spezielle Lebensform entwickelt hatte, die über Sprache verfügte, konnte aus dem tierischen Bevorzugen oder Ablehnen so etwas wie eine Bewertung und dann die Nominalform des Wertes entstehen. 

In dem Moment, in dem der Mensch vergisst, dass es seine relativ willkürliche Bewertung war, die den Wert als solchen durch einen Sprechakt hervorgebracht hat, wird der Wert zu etwas, was das so bewertete Ding oder Subjekt an sich hat. In diesem Moment wird der Wert zum Fetisch. 

Karl Marx spricht in seinem Hauptwerk Das Kapital im ersten Band vom Warenfetisch. Er meint damit den Umstand, dass Produkte an sich keinen Wert haben, sondern dass sich im Wert eines Produkts die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit ausdrückt. 

„Dass Arbeitsprodukte, solche nützlichen Dinge wie Rock, Leinwand, Weizen, Eisen usw., Werte, bestimmte Wertgrößen und überhaupt Waren sind, sind Eigenschaften, die ihnen natürlich nur in unsrem Verkehr zukommen, nicht von Natur, wie etwa die oder warm zu halten oder zu nähren.

In diesem Sinne ist Wert auch immer etwas Relatives. So ist eine Ware z. B. das doppelte wert wie eine andere, und der Preis einer Ware ist die allgemeine Form, in der diese Relativität ihren abstrakten Ausdruck findet. 

In der Psychotherapie wird dieser Wertfetisch besonders problematisch, wenn es um den so genannten Selbstwert geht. Dies äußert sich z. B. in Formulierungen wie „Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden.“ Oder „Ich bin mich nichts wert.“ Oder „Ich habe einen zu geringen Selbstwert.“ 

In all diesen Formulierungen schwingt die Vorannahme mit, dass Selbstwert etwas ist, was wie eine Eigenschaft (Körpergröße, Augenfarbe usw.), gehabt oder eben nicht gehabt werden kann. 

Dabei wird verdrängt, dass Wert immer eine Relation anzeigt: X ist für Y etwas wert. Im NLP würde man hier sofort fragen: „Für wen bist du nichts wert (gewesen)?“ Und im Regelfall beginnt die entsprechende Erfahrung natürlich bei den Eltern. Diese bewerten ihr Kind dadurch, wie sie sich ihm gegenüber verhalten; und wie sie sich relativ z. B. zu den Geschwistern verhalten. 

Darüber hinaus gibt es dann womöglich auch noch explizite Zuschreibungen, wie „Du bist zu gar nichts zu gebrauchen!“ Oder: „Frauen sind weniger wert als Männer.“ „Wir haben uns auf einen Sohn als Stammhalter gefreut, und jetzt kommt noch ein Mädchen … welch eine Enttäuschung.“ 

Das Kind übernimmt dann die Bewertungen der Eltern und hält sich selbst für nichts wert. 

Dieser Prozess wird noch dadurch unterstützt und verschärft, dass auch in der Gesellschaft der Wert eines Menschen durch seine Intelligenz, seine Schönheit, seinen Erfolg usw. bemessen wird. 

In früheren Gesellschaften ging diese Fetischisierung sogar so weit, dass man geglaubt hat, dass Menschen, die aus einer adligen Familie stammen, von Hause aus mehr wert sind; sie haben blaues Blut. 

Auch wenn wir diese Fetischisierung überwunden haben, bedeutet das nicht, dass wir jenseits der Fetischisierung angekommen sind. 

Und auch der Versuch, den Wert eines Menschen als unantastbar – wie in unserem Grundgesetz – zu erklären, ist schon in seiner Formulierung abstrus. „Unantastbar“ bedeutet, dass es gar keine Möglichkeit gibt, ihn anzutasten. Die gesellschaftliche Realität auf unserem Globus beweist uns minütlich, dass der Wert und die Würde von Menschen angetastet und mit Füßen getreten werden. 

Richtiger wäre wohl die Formulierung, dass wir selbst unter keinen Umständen die Entwürdigung von Menschen billigen wollen. Praktisch äußert sich das z. B. im Verbot der Folter durch staatliche Organe; und zwar unter allen Umständen. 

Aber auch hier wird immer noch so getan, als ob es so etwas wie den Wert oder die Würde des Menschen an sich gibt. 

Und all denen, die im gesellschaftlichen Bewertungsspiel notorisch am unteren Ende zu finden sind, hat man ein Trostpflaster verpasst. Als Kinder Gottes sind sie geliebt und haben einen unveräußerlichen Wert. 

Selbstwert ist also immer die Verinnerlichung der erfahrenen Bewertungen durch andere bzw. die Übernahme der gesellschaftlich gängigen Bewertungsmaßstäbe. Und aus der schlichten Tatsache, dass Menschen sich sehr unterschiedlich, ja gegensätzlich bewerten, folgt, dass niemand einen Wert hat oder haben kann. Jeder kann aber zum Gegenstand von Bewertungen werden, auch von seinen eigenen. 

In diesem Sinne wäre die radikalste Lösung des so genannten Selbstwertproblems die Aufgabe der Vorstellung, dass Menschen überhaupt einen Wert haben. Ihre Arbeitsleistung, ihre Intelligenz, ihre Schönheit usw. kann in einem bestimmten Kontext und für bestimmte andere Menschen einen Wert haben, aber niemand hat einen Wert an sich. 

Diese Überlegung ist sehr leicht intellektuell nachvollziehbar, aber nur sehr schwer lebbar. Dies ist auch der Grund, warum so viele Menschen depressiv werden, wenn sie z. B. ihre Arbeit verlieren oder einen bestimmten sozialen Status. Sie fühlen sich wertlos, weil sie keine Werte mehr schaffen. 

Bei nomadisierenden Stämmen war es oft so, dass sich die Alten und Gebrechlichen zum Sterben zurückgezogen haben, da sie für den Stamm zu einer Last wurden, sie konnten nichts mehr beitragen. 

Und im Faschismus gab es den schrecklichen Ausdruck des lebensunwerten Lebens. Und damit wurde die Haltung von Tierzüchtern auf Menschen übertragen. Wenn Menschen Tiere oder Pflanzen züchten, dann möchten sie, dass die Exemplare bestimmte Eigenschaften haben und andere eben gerade nicht. Und all die Exemplare, die dieser Vorstellung nicht entsprechen, werden aussortiert. 

Und ich möchte behaupten, dass der Fetisch des Wertes eines Menschen schon im Keim diese Haltung beinhaltet; und all die Beteuerungen vom Wert des menschlichen Lebens und von der Gott-Ebenbildlichkeit haben zu keiner Zeit die schlimmsten Grausamkeiten verhindert. 

Der wirkliche Ausstieg aus der Konditionierung des Wertfetischs ist nach meiner Erfahrung nicht dadurch zu erreichen, dass man die Entwertungen reframt, sodass der Klient doch so etwas wie Selbstwert erfahren kann. Eine Illusion, die sich besser anfühlt, bleibt immer noch eine Illusion. 

Der innere Vollzug, der es ermöglicht, aus dem Wertefetischismus auszusteigen, ist durch das intellektuelle Verstehen seiner Haltlosigkeit noch lange nicht gewährleistet. Erst die für das Ego niederschmetternde Erfahrung der absoluten Sinnlosigkeit des eigenen Lebens, die durch keine Sinnkonstruktion aufgehoben werden kann, ermöglicht, wenn überhaupt, eine existenzielle Wende, die den Menschen mit seinem Dasein in der Welt auf eine Weise versöhnt, die die Frage nach dem Selbstwert als lächerlich erscheinen lässt. 

Dieser Vollzug, der manchmal auch als der Tod des Egos bezeichnet wird, kann durch keine Psychotherapie, durch keinen spirituellen Weg, durch keine Praxis des Übens gewährleistet werden. Darum ist er auch so selten. Denn an Angeboten für Erleuchtungswege mangelt es seit vielen tausend Jahren nicht. 

Der Hinweis, dass der Mind, also unsere Fähigkeit, Bedeutungen und Bewertungen zu produzieren und ein entsprechendes Weltmodell, der eigentliche Störenfried ist und daher überwunden werden müsste, mag zwar seine Richtigkeit haben, bleibt aber als solcher völlig wirkungslos. Und auch die Übungswege, Koans, Meditation usw. produzieren eben nicht reihenweise erleuchtete Individuen. 

Als Psychotherapeuten sollten wir das wissen und beherzigen. D. h. wir können mit unseren Mitteln krankmachende Fremd- und Selbstbewertungen durchschaubar machen und ihnen dadurch ihre Macht nehmen, aber dadurch ist noch niemand aus dem Wertfetischismus befreit worden. 

Wir können sogar die Fragwürdigkeit des so genannten Selbstwerts in bestimmten Grenzen erlebbar machen, aber ob dieser Zustand für die betreffende Person aushaltbar ist, dass entzieht sich völlig dem Einfluss jedes Menschen auf einen anderen Menschen; hier ist jeder ganz bei sich – oder eben nicht. 

Klaus Grochowiak, Januar 2012