Der übende Mensch und sein Trainer

Der übende Mensch und sein Trainer

von Klaus Grochowiak

Dieser Text ist als ein Beitrag zu verstehen, in dem wir uns mit unserer Tätigkeit als Trainer kritisch und in historischer Perspektive auseinandersetzen.

Parallel zu diesem Text empfehle ich den Podcast „Trainer–Identität, den ich auf den einschlägigen Portalen veröffentlicht habe.

Die Sorge des Menschen um sich selbst und um seine persönliche Entwicklung ist spwohl in der abendländischen, als auch in der asiatischen Kultur, dass sich über mehrere Jahrtausende entwickelt hat. Sloterdijk schreibt in seinem Buch „Du musst dein Leben ändern“, dass der Mensch den Mensch erzeugt – und zwar durch ein Leben in Übungen.

Und was tun wir in NLP-Kursen anderes, als Anderen dabei zu helfen, sich in immer neuen Anläufen selbst zu entdecken und sich neu zu entwerfen – und zwar durch Übungen?

In diesen Übungen wird das Implizite (Glaubenssätze, Submodalitäten, Strategien usw.) explizit gemacht. Und: „Je höher der Explikationsgrad, desto tiefer die mögliche, ja unumgängliche Befremdlichkeit des neu erworbenen Wissens.“   Dies gilt sowohl für die Erkenntnisse bezüglich unseres subjektiven Erlebens, als auch für jene, über die uns umgebende materielle Natur – man denke nur an die verstörenden Einsichten der Quantenmechanik.

Dabei ist die anthropologische Bedeutung dieser Beschäftigung als einer neuen Form der Anthropotechnik (Sloterdijk) selten im Blick. Es ist das Ziel dieses Textes, diese Dimension angemessen in den Blick zu nehmen.

Immunologie

Alle Organismen müssen sich irgendwie vor den für ihre Art spezifischen Umweltrisiken schützen. Ihr Immunsystem stellt ein angeborenes „Wissen“ und ein autotherapeutisches System für zu erwartende Verletzungen bereit. Im Gegensatz zu allen anderen Organismen haben wir Menschen aber über unser biologisches Immunsystem hinaus noch ein zweites: die Sprache. Sie ermöglicht uns, noch eine zweite Welt – die Welt der Bedeutungen, der Symbolsysteme – zu errichten.

Jene Symbolsysteme schufen gleich am Anfang der Kulturentwicklung eine Überwelt – die Welt der Ahnen, Geister und Götter. Der übende/ausprobierende Kontakt mit dieser Welt fungierte als ein psychologisches Immunsystem gegen die Angst vor dem Tod, vor der übermächtigen Gewalt der Natur und der Verzweiflung an den Lebensbedingungen.

Die Vorstellung, durch Opfer, Rituale, Beten und ähnliche Aktivitäten sich mit Mächten gut zu stellen, die nur als symbolische Realitäten erfahrbar sind, ermöglichte es den Menschen, ein zweites Immunsystem gegen die Bedrohungen aufzubauen, die der Preis des Selbstbewusstseins sind. Neben diesen psycho-immunologischen Praktiken haben sich auch noch sozio-immunologische Praktiken wie z. B. die juristischen oder militärischen entwickelt, mit denen Menschen in ‚Gesellschaft‘ ihre Konfrontationen mit fremden Aggressoren und benachbarten Beleidigern oder Schädigern abwickeln.

Der Mensch in der Vertikalspannung

Die abendländische Kultur beginnt u. a. mit der sokratischen Definition des Menschen als einem Wesen, das potenziell „sich selbst überlegen“ ist. Je nach Kultur bzw. Subkultur werden andere Leitdifferenzen für dieses „sich selbst überlegen sein“ maßstäblich.

In den asketischen Subkulturen geht es um die Differenz Vollkommen versus Unvollkommen, in den religiösen um Heilig versus Profan, bei den Adligen um Vornehm versus Gemein, bei den militärischen Subkulturen um Tapfer versus Feige.

In der Politik geht es um Mächtig versus Ohnmächtig, bei den Athleten um Spitzenleistung versus Mittelmaß; in den akademischen Subkulturen geht es um Bildung versus Unwissenheit und in den therapeutischen um neurotisch versus durchtherapiert oder – in abgemilderter Form – um bewusst versus unbewusst.

Das bedeutet: Die typischen Teilnehmer von NLP-Kursen oder ähnlichen Veranstaltungen leben in dem Bewusstsein, dass sie aus ihrem Leben mehr machen könnten, als sie es bis jetzt tun. Sie leben in einer speziellen Form von Vertikalspannung, die sich als Bedürfnis nach persönlicher Entwicklung bemerkbar macht.

Der asketische Mensch

Im klassischen Griechischen bedeutet áskesis schlicht „Übung“ bzw. „Training“. Der asketische oder übende Mensch ist also der, der versucht, durch selbstbezügliches üben zur Verbesserung seiner Selbst beizutragen. Das Grundgesetz aller anthropotechnischen Bemühungen besteht in der Einsicht, dass alle Handlungen und Bewegungen auf den Handelnden zurückwirken und ihn dadurch verändern. So wird jedes Üben zu einer Form des Sich-Formens. Dieses „sich selbst formen“

ist immer auch als ein „sich in Form bringen“ zu verstehen. Kurz: Selbstformung durch Übung. Dazu wurden im Laufe der Jahrtausende die verschiedensten spirituellen, mentalen und körperliche Techniken einschließlich verschiedenster Diätologien entwickelt. Sloterdijk spricht in diesem Zusammenhang von „Anthropotechnik“.

Im christlichen, aber auch im hinduistischen und buddhistischen kulturellen Umfeld hat sich eine Art pathogogische Askese entwickelt, die „die kunstgerechte Selbstvergewaltigung einer Elite von Leidenden“ zum Ideal des sich entwickelnden Menschen erklärte. Ein Echo dieser Epoche finden wir heute noch in verschiedenen Kreisen der Neo-Mystik.

Waren es am Anfang der hochkulturellen Epoche der Menschheit immer nur wenige, die sich den verschiedenen Formen der Askese unterzogen haben, so beobachten wir seit den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Art Massenbewegung in Richtung verschiedenster Formen der Selbstoptimierung. Es handelt sich dabei sowohl um die traditionellen spirituellen Sucher als auch um jene, die sich mit unterschiedlichsten Formen therapeutischer Techniken zu optimieren suchen, wie auch um die Millionen Menschen, die etwas für ihre körperliche Fitness tun und z. B. noch im hohen Alter an Marathon-Rennen teilnehmen.

Allen diesen Aktivisten der Selbstoptimierung ist ganz unabhängig von den traditionellen Formen der Selbstvergewaltigung die triviale Weisheit aller Künstler, Sportler, Handwerker, Therapeuten usw. bewusst, dass ohne jahrelanges Training, ohne stundenlanges Üben Spitzenleistungen nicht zu erreichen sind. Und auch in den Kreisen der Kurzzeit-Therapeuten hat sich herumgesprochen, dass zwar die einzelne Intervention kurz sein kann, aber der Prozess der persönlichen Entwicklung eine „never ending story“ darstellt. Und dieses Üben ist ohne einen Lehrer oder Trainer nicht erfolgreich zu bewerkstelligen.

Wir können in diesem Zusammenhang auch von einer Entspiritualisierung der Askesen sprechen. Die modernen übenden Menschen glauben – von einigen Subkulturen abgesehen – nicht mehr, dass die selbstvergewaltigenden Formen der Askese notwendig sind, um sich einen Fensterplatz im Himmel zu ergattern bzw. durch Abtötung des Körperlichen endlich den ersehnten Ausweg aus dem Rad der ewigen Wiedergeburt zu finden: Sie üben, weil sie spüren, dass sie aus sich selbst und ihrem Leben mehr machen könnten – sie sind eher an einer Ästhetik der Existenz interessiert. Die neue Leitdifferenz, die sich immer deutlicher herauskristallisiert, ist jene zwischen denen, die etwas aus sich machen wollen, und denen, die nichts oder wenig aus sich machen wollen. Sie sind die, die „der Versuchung durch Vollendung ebenso widerstehen wie der Versuchung durch Trägheit.“

Diese Differenz wird den Teilnehmern einer NLP-Ausbildung mit jedem Wochenende immer deutlicher; sie berichten, dass die Begegnungen mit ihren alten Freunden und Bekannten immer weniger befriedigend ausfallen, da sie die alten stereotypen Kommunikationsformen und das wenig lösungsorientierte Lamentieren über die immer gleichen Probleme nicht mehr ertragen können. Dies ist nach meiner Beobachtung nicht das Resultat sektenhafter Abkapslung, sondern einfach eines einer wachsenden Differenz an Bewusstheit, die auf die Dauer nicht durch freundschaftliche Gefühle überbrückbar ist.

Der Trainer / die Trainerin

Der Impuls, mehr aus seinem eigenen Leben und sich selbst zu machen, ist am Anfang sicherlich noch vage. Es ist nicht klar, wie genau man das Projekt angehen könnte. Dies führt dazu, dass viele Menschen aus dieser Gruppe alles Mögliche ausprobieren. Sie wechseln relativ zügig von einem Guru zum anderen, versuchen verschiedenste Ernährungsweisen, beschäftigen sich mit Astrologie, Energieheilung, positivem Denken, NLP, körpertherapeutischen Ansätzen, Yoga und vielen anderen Methoden, um sich selbst besser zu verstehen und autooperativ in das eigene Selbstsein einzugreifen.

Klar ist bei allen diesen Bemühungen, dass man jemanden braucht, der einem dabei mit seiner Expertise helfen kann. „Mein Trainer ist derjenige, der will, dass ich will – er verkörpert die Stimme, die mir sagen darf: „Du musst dein Leben ändern.“

Dieser Trainer ist aber auch der, der implizit oder explizit verspricht, dass die bevorstehenden Übungen und Einsichten den Trainee seinem Ziel näher bringen werden (und damit die Hoffnung des Trainees bestätigt).

Damit wiederholt sich eine alte Figur aus der Meister-Schüler-Beziehung auf niedriger Oktave. Das Versprechen ist nur in dem Maße glaubhaft, in dem der Trainer als lebendes Beispiel dieses Versprechens wahrgenommen werden kann.

Im NLP sprechen wir in diesem Sinn von „walk your talk“.

Schaut man sich das Leben – namentlich das private – vieler Trainer und Gurus aus der Nähe an, dann beschleicht den Beobachter doch der Verdacht, dass die jeweilige Methode vielleicht doch nicht ganz so mächtig und erfolgversprechend ist, wie sie oft dargestellt wird. Damit wird die Kongruenz des Trainers von einer unhintergehbaren Ambivalenz infiziert.

Ja, vieles ist möglich – aber das Leben stellt jeden von uns immer wieder neu vor Probleme, die uns an die Grenzen unserer Möglichkeiten bringen. Die Herausforderungen hören nicht auf, und die Hoffnung auf ein Leben in einer Art Dauer-Core-State muss als kindliche Illusion aufgegeben werden.

Der Trainer kann – oder zumindest sollte er – sich nicht in die Traditionslinie der angeblich Vollendeten stellen, die die Teilnehmer bestaunen und bewundern können in der Hoffnung, dass ihn zu modellieren, ihm nachzueifern vielleicht auch sie irgendwann der Vollendung näherbringt.

Keiner der heutigen Trainer kann oder wollte sich in die Traditionslinie eines Jesus stellen, der von sich sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Es war schon immer das Leistungsversprechen von Scharlatanen, dass sie im Besitz des einen Mittels oder der einen Methode sind, dass/die für alle Probleme, die Menschen überhaupt haben können, eine einfache Lösung ermöglicht. Wyatt Woodsmall spricht in diesem Zusammenhang gern vom Maglomania-Pattern. Niemandem soll hier das Recht auf freie Illusionsausübung versagt werden; es soll nur die Frage aufgeworfen werden, wie man sich als NLP-Trainer im Markt und wie man sich zu den Aposteln von Heilsversprechungen positioniert.

Der Trainer und seine Trainees

Seit zweieinhalb Jahrtausenden machen Lehrer die Erfahrung, dass es selbst bei hoher Begeisterung der Schüler für das Projekt der Überwindung des „alten Adams“ alles andere als leicht ist, die bereits verkörperten Eigenschaften (Affekte und Gewohnheiten) und die dazugehörigen bewussten und unbewussten Überzeugungen tatsächlich nachhaltig zu verändern. 

Wir können auch sagen, dass die so Übenden sich freiwillig in eine Art dritte Sozialisationsphase begeben, in der es darum geht, sich aus den familiären und kulturellen Konditionierungen zu befreien. Dadurch wird die Figur des „inneren Beobachters“ aktiviert, der verhindert, dass das übende Subjekt sich in der Bewusstlosigkeit seiner täglichen Routinen verliert. Jede Begegnung, jeder innere Dialog, jeder erlebte Affekt kann und soll am Maßstab neuer Einsichten (Meta-Modell der Sprache, Position I, II, III, Submodalitäten usw.) auf seine potenziellen Limitierungen und sein Optimierungspotential hin wahrgenommen werden.

Der so aktivierte und sich selbst aktivierende Mensch wird zum eigenständig Denkenden, Fühlenden und Vorstellenden im Gegensatz zum Menschen, der nur denkt, was andere auch denken, der von seinen Gefühlen überwältigt wird und sich den unkontrollierten Assoziationen ausgeliefert fühlt. Im NLP stellen wir hier die Frage: „Who drives the bus?“

Die Entdeckung des unauslotbaren Kontinents des subjektiven Erlebens und die Spaltung in die äußere Welt der Tatsachen und die innere Welt der subjektiven Bedeutungen und ihrer erlebnismäßigen Folgen setzt einen „ungeheuren Überschuss an Selbstbezüglichkeit“ frei. „Ist die äußere Welt erst einmal von mir abgetrennt und ferngerückt, bleibe ich alleine übrig und entdecke mich selbst als unendliche Aufgabe.“

Diese Aufgabe bedeutet als Erstes, dass sich das übende Subjekt verdoppelt. Zu all seinen inneren Vollzügen tritt jetzt ein innerer Beobachter, der je nach Schule andere Kriterien anwendet, um das subjektive Erleben zu beobachten und zu bewerten. Dieser innere Beobachter wird dann durch einen zweiten Beobachter – den Trainer – ergänzt. Beide Beobachter ergeben mit den automatisierten Abläufen des subjektiven Erlebens zusammen die Triade des übenden Menschen. In den meditativen Traditionen ist der innere Zeuge eher gehalten, eine kontemplative Position bezüglich der aufsteigenden Eindrücke einzunehmen und jede Identifikation damit zu vermeiden. Im NLP und ähnlichen Techniken geht es eher darum, die Struktur und Prozessualität dieses Stroms des Bewusstseins nach eigenen Kriterien neu zu programmieren. 

In den sogenannten spirituellen Traditionen ist es ebenfalls üblich, zwischen dem Ego – einem kleinen und zu überwindenden Ich – und dem höheren Selbst oder einer Form des Groß-Ich zu unterscheiden. Dabei ist das erklärte Übungsziel, dass das Klein-Ich früher oder später durch die jeweiligen Übungen untergehen soll und wird. Diejenigen, die diese Stufe angeblich schon erreicht haben, sind dann die Erleuchteten bzw. Vollkommenen, denen es nachzueifern gilt. Dieses Nacheifern ist nur durch totale Hingabe an den jeweiligen Meister zu erreichen.

In den abgekühlten und abgeklärten Formen der autooperativen Arbeit am Selbst ist die Unterscheidung zwischen Zeugenbewusstsein und den automatisierten Abläufen des impliziten Bewusstseins-Modus erhalten geblieben, aber die Vorstellung, dass etwas „absterben“ muss oder soll, wird aufgegeben. Dementsprechend sind die Trainer hier weder Erleuchtete noch Vollendete, sie verfügen lediglich über ein spezielles Fachwissen und eine durch Übung erworbene Kompetenz, Prozesse des impliziten Funktionsmodus explizit zu machen und operativ einzugreifen. Die neu designten Prozesse laufen dann wieder im impliziten Funktionsmodus ab.

Diese Nüchternheit vermeidet übrigens eine spezielle Art der Bigotterie, wie sie in den Kulturen der Heiligen üblich ist. Der Heilige ist der, der nicht wissen darf, wie es um ihn steht, da dieses Wissen sofort als eine Form der Eitelkeit des kleinen Egos diffamiert werden würde. Anders der Mensch, der erfolgreich ein altes Programm, z. B. seine neurotische Eifersucht, verändert hat: Er darf

sich über den Erfolg seiner autoplastischen Operation freuen und muss sie nicht in falscher Demut unerwähnt lassen.

Anders als in den spirituellen Askesen ist allerdings das Ziel der Arbeit an sich selbst nicht so klar wie in den spirituellen Traditionen. Wenn es nicht mehr um Erleuchtung oder Vollendung geht, dann können letztlich nur konkrete Ziele wie beispielsweise die Entmachtung limitierender Glaubenssätze oder aber das vage Ziel „persönliche Entwicklung“ angegeben werden. Die spezifischen Inhalte dieses

Entwicklungsprozesses ergeben sich dann individuell aus dem Zusammenspiel von Lebensherausforderungen, den neu entstandenen Erlebnisweisen als Resultat des situativen Standes der Arbeit an sich selbst und den jeweils als erstrebenswert in Aussicht gestellten Idealen der Methode, mit der man sich gerade beschäftigt.

Der so an sich arbeitende Mensch lebt also in einer entspiritualisierten, teleologischen Zeitstruktur. Sein Leben ist nicht nur ein Sein-zum-Tod (Heidegger), sondern immer auch noch ein Sein-zum-X. Was das jeweilige X konkret ist, ändert an der latent teleologischen Struktur seines In-der-Welt-seins nichts. Nicht nur das Sein-zur-Vollendung, auch das Sein-zum-X wird zum machtvollsten „Biografiegenerator“.

Menschen dieses Typs sind immer auf irgendeinem Weg. Ob dieser ein explizites Ziel hat oder selbst das Ziel ist, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Die Begleiter (Trainer, Gurus usw.) auf dieser Wanderung durch das Leben sind natürlich selbst auch auf dem Weg, wenn sie nicht zu den angeblich schon „Angekommenen“ gehören. Diejenigen, die so auf dem Weg sind, sind die durch ihre eigene Vertikalspannung Bewegten.

Die so Bewegten wollen seit alters her nichts mehr wissen von uneinholbaren und unnachahmlichen Vorzügen eines Anderen, sie versammeln sich nur allzu gern unter der Parole der beliebigen Modellierbarkeit von selbst den unwahrscheinlichsten Spitzenleistungen. Anders sind die Versprechungen der Heiligen und der Asketen aller Zeiten nicht zu verstehen: nämlich, dass ihr System jeden, der sich redlich bemüht, zu den höchsten Gipfeln der menschlichen Unwahrscheinlichkeiten führen könne. So gesehen ist die „Vorannahme“ des frühen NLP, dass „jeder alles lernen kann“, nur eine Wiederholung frühester Überspanntheit und Paradoxien des übenden Menschen und seines Trainers.

Mit der Entzauberung der Vollkommenheits-Propaganda muss auch die Erreichbarkeits-Propaganda auf ein realistisches Maß  zurückgestuft werden, auch wenn das aus marketing-technischen Gründen für einige eine bittere Pille sein mag: Das Ressentiment gegen „Begabung“ war schon immer ein Wegbegleiter der Alles-Versprecher.

Das realistische Versprechen

Menschen haben immer mehr Potentiale und Begabungen, als sie tatsächlich ausschöpfen können. Die Dialektik von Selbstentdeckung und Selbstentwurf – und die damit verbundene übende Praxis – bietet für jeden, der sich auf diesen Weg macht, mehr als genug Überraschungen, Lernerfahrungen und Wachstums-Chancen.

Dieses Üben am Erreichbaren ermöglicht es Menschen, eine neue Horizont-Kompetenz zu entwickeln.

Ein Horizont ist die jeweilige Grenze dessen, was wir von der Welt sehen können – relativ zu dem Standpunkt, von dem aus wir schauen. Mit Horizont-Kompetenz meine ich die kognitiv-emotionale Haltung, relativ zu den Grenzen des eigenen Modells der Welt. Das tiefe Vertrauen darin, dass es hinter dem Horizont weitergeht und dort weder der Abgrund noch das Grauen lauert, ermöglicht es

Menschen, vor dieser Grenze keine Angst zu haben, sondern ihr mit freudiger Erwartung entgegenzustreben – dies in dem Wissen, dass es keinen endgültigen, letzten Horizont geben kann, den es final – im Sinn einer absoluten „Erleuchtung“ –  zu überschreiten gälte.

Dieses „wegen des Wegs“ in die eigene Zukunft erzeugt erst den Weg – und zwar sowohl für die Menschheit als Ganzes wie auch für jeden Einzelnen. Und so, wie die verschiedenen Kulturen auf diesem Planeten unterschiedliche Wege gegangen sind, geht auch jedes Individuum seinen Weg.

Um bei dieser Wanderung Spaß haben zu können und motiviert zu sein, braucht man weder die Illusion der Vollkommenheit als ewiges Manko noch die Hybris, man könne den Weg Mozarts, da Vincis oder anderer Genies nachgehen, nur weil man ja ebenfalls ein Mensch sei.

Es gibt mehr als genug zu tun und zu erleben, zu wachsen und zu entdecken mit den Möglichkeiten, Potentialen und Begabungen, die einem jeden von uns mitgegeben sind. Viel Spaß dabei!

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