Der Wert als Fetisch 

Der Wert als Fetisch 

Nichts hat einen Wert, außer wir vergeben einen. 

Die Welt ist wie sie ist und wird durch ihre Bewertung nicht anders. Erst als sich in diesem Universum eine spezielle Lebensform entwickelt hatte, die über Sprache verfügte, konnte aus dem tierischen Bevorzugen oder Ablehnen so etwas wie eine Bewertung und dann die Nominalform des Wertes entstehen. 

In dem Moment, in dem der Mensch vergisst, dass es seine relativ willkürliche Bewertung war, die den Wert als solchen durch einen Sprechakt hervorgebracht hat, wird der Wert zu etwas, was das so bewertete Ding oder Subjekt an sich hat. In diesem Moment wird der Wert zum Fetisch. 

Karl Marx spricht in seinem Hauptwerk Das Kapital im ersten Band vom Warenfetisch. Er meint damit den Umstand, dass Produkte an sich keinen Wert haben, sondern dass sich im Wert eines Produkts die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit ausdrückt. 

„Dass Arbeitsprodukte, solche nützlichen Dinge wie Rock, Leinwand, Weizen, Eisen usw., Werte, bestimmte Wertgrößen und überhaupt Waren sind, sind Eigenschaften, die ihnen natürlich nur in unsrem Verkehr zukommen, nicht von Natur, wie etwa die oder warm zu halten oder zu nähren.

In diesem Sinne ist Wert auch immer etwas Relatives. So ist eine Ware z. B. das doppelte wert wie eine andere, und der Preis einer Ware ist die allgemeine Form, in der diese Relativität ihren abstrakten Ausdruck findet. 

In der Psychotherapie wird dieser Wertfetisch besonders problematisch, wenn es um den so genannten Selbstwert geht. Dies äußert sich z. B. in Formulierungen wie „Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden.“ Oder „Ich bin mich nichts wert.“ Oder „Ich habe einen zu geringen Selbstwert.“ 

In all diesen Formulierungen schwingt die Vorannahme mit, dass Selbstwert etwas ist, was wie eine Eigenschaft (Körpergröße, Augenfarbe usw.), gehabt oder eben nicht gehabt werden kann. 

Dabei wird verdrängt, dass Wert immer eine Relation anzeigt: X ist für Y etwas wert. Im NLP würde man hier sofort fragen: „Für wen bist du nichts wert (gewesen)?“ Und im Regelfall beginnt die entsprechende Erfahrung natürlich bei den Eltern. Diese bewerten ihr Kind dadurch, wie sie sich ihm gegenüber verhalten; und wie sie sich relativ z. B. zu den Geschwistern verhalten. 

Darüber hinaus gibt es dann womöglich auch noch explizite Zuschreibungen, wie „Du bist zu gar nichts zu gebrauchen!“ Oder: „Frauen sind weniger wert als Männer.“ „Wir haben uns auf einen Sohn als Stammhalter gefreut, und jetzt kommt noch ein Mädchen … welch eine Enttäuschung.“ 

Das Kind übernimmt dann die Bewertungen der Eltern und hält sich selbst für nichts wert. 

Dieser Prozess wird noch dadurch unterstützt und verschärft, dass auch in der Gesellschaft der Wert eines Menschen durch seine Intelligenz, seine Schönheit, seinen Erfolg usw. bemessen wird. 

In früheren Gesellschaften ging diese Fetischisierung sogar so weit, dass man geglaubt hat, dass Menschen, die aus einer adligen Familie stammen, von Hause aus mehr wert sind; sie haben blaues Blut. 

Auch wenn wir diese Fetischisierung überwunden haben, bedeutet das nicht, dass wir jenseits der Fetischisierung angekommen sind. 

Und auch der Versuch, den Wert eines Menschen als unantastbar – wie in unserem Grundgesetz – zu erklären, ist schon in seiner Formulierung abstrus. „Unantastbar“ bedeutet, dass es gar keine Möglichkeit gibt, ihn anzutasten. Die gesellschaftliche Realität auf unserem Globus beweist uns minütlich, dass der Wert und die Würde von Menschen angetastet und mit Füßen getreten werden. 

Richtiger wäre wohl die Formulierung, dass wir selbst unter keinen Umständen die Entwürdigung von Menschen billigen wollen. Praktisch äußert sich das z. B. im Verbot der Folter durch staatliche Organe; und zwar unter allen Umständen. 

Aber auch hier wird immer noch so getan, als ob es so etwas wie den Wert oder die Würde des Menschen an sich gibt. 

Und all denen, die im gesellschaftlichen Bewertungsspiel notorisch am unteren Ende zu finden sind, hat man ein Trostpflaster verpasst. Als Kinder Gottes sind sie geliebt und haben einen unveräußerlichen Wert. 

Selbstwert ist also immer die Verinnerlichung der erfahrenen Bewertungen durch andere bzw. die Übernahme der gesellschaftlich gängigen Bewertungsmaßstäbe. Und aus der schlichten Tatsache, dass Menschen sich sehr unterschiedlich, ja gegensätzlich bewerten, folgt, dass niemand einen Wert hat oder haben kann. Jeder kann aber zum Gegenstand von Bewertungen werden, auch von seinen eigenen. 

In diesem Sinne wäre die radikalste Lösung des so genannten Selbstwertproblems die Aufgabe der Vorstellung, dass Menschen überhaupt einen Wert haben. Ihre Arbeitsleistung, ihre Intelligenz, ihre Schönheit usw. kann in einem bestimmten Kontext und für bestimmte andere Menschen einen Wert haben, aber niemand hat einen Wert an sich. 

Diese Überlegung ist sehr leicht intellektuell nachvollziehbar, aber nur sehr schwer lebbar. Dies ist auch der Grund, warum so viele Menschen depressiv werden, wenn sie z. B. ihre Arbeit verlieren oder einen bestimmten sozialen Status. Sie fühlen sich wertlos, weil sie keine Werte mehr schaffen. 

Bei nomadisierenden Stämmen war es oft so, dass sich die Alten und Gebrechlichen zum Sterben zurückgezogen haben, da sie für den Stamm zu einer Last wurden, sie konnten nichts mehr beitragen. 

Und im Faschismus gab es den schrecklichen Ausdruck des lebensunwerten Lebens. Und damit wurde die Haltung von Tierzüchtern auf Menschen übertragen. Wenn Menschen Tiere oder Pflanzen züchten, dann möchten sie, dass die Exemplare bestimmte Eigenschaften haben und andere eben gerade nicht. Und all die Exemplare, die dieser Vorstellung nicht entsprechen, werden aussortiert. 

Und ich möchte behaupten, dass der Fetisch des Wertes eines Menschen schon im Keim diese Haltung beinhaltet; und all die Beteuerungen vom Wert des menschlichen Lebens und von der Gott-Ebenbildlichkeit haben zu keiner Zeit die schlimmsten Grausamkeiten verhindert. 

Der wirkliche Ausstieg aus der Konditionierung des Wertfetischs ist nach meiner Erfahrung nicht dadurch zu erreichen, dass man die Entwertungen reframt, sodass der Klient doch so etwas wie Selbstwert erfahren kann. Eine Illusion, die sich besser anfühlt, bleibt immer noch eine Illusion. 

Der innere Vollzug, der es ermöglicht, aus dem Wertefetischismus auszusteigen, ist durch das intellektuelle Verstehen seiner Haltlosigkeit noch lange nicht gewährleistet. Erst die für das Ego niederschmetternde Erfahrung der absoluten Sinnlosigkeit des eigenen Lebens, die durch keine Sinnkonstruktion aufgehoben werden kann, ermöglicht, wenn überhaupt, eine existenzielle Wende, die den Menschen mit seinem Dasein in der Welt auf eine Weise versöhnt, die die Frage nach dem Selbstwert als lächerlich erscheinen lässt. 

Dieser Vollzug, der manchmal auch als der Tod des Egos bezeichnet wird, kann durch keine Psychotherapie, durch keinen spirituellen Weg, durch keine Praxis des Übens gewährleistet werden. Darum ist er auch so selten. Denn an Angeboten für Erleuchtungswege mangelt es seit vielen tausend Jahren nicht. 

Der Hinweis, dass der Mind, also unsere Fähigkeit, Bedeutungen und Bewertungen zu produzieren und ein entsprechendes Weltmodell, der eigentliche Störenfried ist und daher überwunden werden müsste, mag zwar seine Richtigkeit haben, bleibt aber als solcher völlig wirkungslos. Und auch die Übungswege, Koans, Meditation usw. produzieren eben nicht reihenweise erleuchtete Individuen. 

Als Psychotherapeuten sollten wir das wissen und beherzigen. D. h. wir können mit unseren Mitteln krankmachende Fremd- und Selbstbewertungen durchschaubar machen und ihnen dadurch ihre Macht nehmen, aber dadurch ist noch niemand aus dem Wertfetischismus befreit worden. 

Wir können sogar die Fragwürdigkeit des so genannten Selbstwerts in bestimmten Grenzen erlebbar machen, aber ob dieser Zustand für die betreffende Person aushaltbar ist, dass entzieht sich völlig dem Einfluss jedes Menschen auf einen anderen Menschen; hier ist jeder ganz bei sich – oder eben nicht. 

Klaus Grochowiak, Januar 2012 

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